Mittwoch, 17. Oktober 2007

Doppelleben

B”H

Als ich ihn das erste Mal sah, sass er vor einem TV - Bildschirm und starrte gebannt hinein. So als ob alles ganz natürlich sei und er kein Chassid wäre. Seine chassidische Kleidung, schwarzer langer Kaftan, weisses Hemd und schwarze Hose, wirkten vollkommen fehl am Platz. Mein WG - Mitbewohner hatte ihn mit angeschleppt und nun sass der Chassid da und schaute Fernsehen.

Ich dachte, dass alles nur ein Missverständnis sei, denn ein Chassid schaut kein TV, sondern widmet sich dem Thora bzw. Talmudstudium. Als ich mich dazu setzte, schaute er noch nicht einmal auf. Mein Mitbewohner fragte in die Runde, ob er etwas zu Essen bringen solle. Der Chassid nickte ohne seine Augen vom Bildschirm zu entfernen. “Ich habe koscheres Geschirr”, sagte ich schnell, doch der Chassid hörte gar nicht hin.

Ich folgte meinem Mitbewohner in die Küche und fragte ihn, was eigentlich vor sich gehe. “Ja, weisst du nicht, schaute er mich ungläubig an, Y. ist nur noch äusserlich ein Chassid und lebt bei seinen Eltern. Aber er hat sich schon lange von seiner chassidischen Gruppe entfernt und schaut halt nur noch so aus”. Und dann bekam ich alle Details zu hören. Y. war zwanzig Jahre alt und schon im frühen Teenageralter hatte er sein eigenes Leben ausserhalb der Gruppe begonnen. Statt Yeshiva - Studium zog er es vor durch die Strassen zu laufen. Seine Eltern wussten nicht, was ihr einziger Sohn tagsüber treibt.

Sein Versteckspiel flog erst auf als er mit ein paar Freunden bei einer Fahrzeugkontrolle von der Polizei aufgegriffen wurde. Y. fuhr ohne Führerschein und war angetrunken. Die Polizisten brachten ihn heim zu den Eltern und es war Erev Shabbat (Freitag Abend am Shabbat). Was bei vielen Chassidim der Fall ist, weigerten sich seine Eltern zu tun. Sie warfen ihren Sohn nicht hinaus, sondern gaben ihm eine allabendliche Zuflucht. Solange er sich chassidische kleidete, konnte er immer wieder heimkommen.

Als ich einmal mit Y. sprach, deutete er mir an, dass er diesen Zustand nicht mehr lange aufrecht erhalten will. Er wolle “normal” sein und plane, seine Kleidung abzulegen und seine Peyes (Schläfenlocken) abzuschneiden.

Fast jeden Abend kam er zu uns um sich umzuziehen. Er schlüpfte aus dem Kaftan und quetschte sich in eine Jeans. Aus dem weissen Hemd wurde ein buntes T - Shirt und die Peyes wurden unter die Baseballmütze geklemmt. So ging Y. in die Jerusalemer Discos und suchte sich eine Art neue Liebe. Statt Chassidut (Chassidismus) war er gierig nach weltlicher Liebe. Es dauerte nie lange und er fand sie. Doch auf den chassidischen Schulen hatte man ihm nichts Gutes über nichtreligöse Juden beigebracht. Die nämlich seien fast alle drogenabhängig und ein richtiges Leben haben sie auch nicht, sondern vegetieren ziellos durchs Leben. Y. hatte den Lehrern geglaubt und meinte nun, er müsse auch so sein. Er war der Meinung nur dann als richiger Nichtreligiöser zu gelten, wenn er auch Drogen nehme und seine Freundinnen wie seine Socken wechsele. Die nichtreligiösen Freundinnen liessen ihn eine nach der anderen sitzen, denn sie wollten keinen Freund, der einzig und allein nur auf nichtreligiöse Anerkennung bedacht war und sie nach Strich und Faden betrog.

Eines Tages kam ich heim und sah im Korridor zwei abgeschnittene lange hellbraune Peyes auf dem Fussboden liegen. Es war soweit, Y. hatte sich für sein zweites Leben entschieden. Im Bad zeigte ihm seine derzeitige Freundin, wie man sich Gel in die Haare schmiert. Als sie mich sah, zuckte sie mit den Schultern und sagte verzeifelt, dass Y. überhaupt nichts weiss vom Leben ausserhalb der Gruppe. Alles müsse sie ihm zeigen.

Y. kaufte einen Computer und sah sich als künftiges High Tech Genie. Da er über keinerlei englische Sprachkenntnisse verfügte, war der Traum schnell ausgeträumt. Er begann Gasflaschen auszufahren, wurde jedoch kurz darauf gefeuert. Danach verschwand er ganz.

Jemand aus seiner Gruppe sagte mir, dass Y. jederzeit zurückkommen könne. Ich arbeitete mit einem anderen Chassid aus der Gruppe in ein und demselben Büro und wurde freiwillig zum Spion für Y.’s Vater. Er wolle nur wissen, wie es seinem Sohn gehe und ich liess es ihn über meinen Kollegen wissen. Die ganze Drogenwahrheit erfuhr der Vater jedoch nicht.

Wenig später verloren wir uns alle aus den Augen. Manchmal sehe ich meinen alten Kollegen und vielleicht frage ich ihn beim nächsten Mal, wie es Y. geht. Gut, hoffe ich.