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Mittwoch, 23. September 2009

Nazipogrom in Lemberg



B"H


Ein seltenes Video stöberte ich auf einer haredischen Site auf. Das Video zeigt ein Nazipogrom in Lemberg während des Zweiten Weltkrieges. Ebenso sieht man sekundenlang den ehemaligen Bobover Rebben Benzion Halberstam (1874 - Juli 1941) kurz vor seiner Ermordung.


http://www.bhol.co.il/news_read.asp?id=12409&cat_id=2

Donnerstag, 23. April 2009

Zwischen Brooklyn und Wien II

B"H

Diesen Comment bestehend aus einem Zeitungsartikel sandte mir eine Leserin zu einem anderen chassidischen Thema zu. Der Artikel ist gut zu lesen, dennoch verkneife ich mir am Schluss nicht noch ein paar Kommentare dazu.

Aus der österreichischen Tageszeitung "Die Presse"

Das Schtetl lebt! Und wie! Über die wundersame Renaissance der Chassidim in New York - und was Österreich damit zu tun hat.

Als ich vor gut zwei Jahren eingeladen war, bei einem "Fund Raising Dinner" einer jüdischen Flüchtlingsorganisation die Festrede zu halten, staunte ich nicht wenig, als ich im ärmlichen New Yorker Stadtteil Williamsburg in einen riesigen Veranstaltungssaal geleitet wurde: Begleitet von den neugierigen Blicken Hunderter orthodoxer Juden mit langen Prophetenbärten, Schläfenlocken, kaftanartigen Mänteln und hohen schwarze Hüten, ging ich zum Podium. Während viele auf dem Weg dorthin freundlich auf mich zukamen und mir als offensichtlich einzig fremdem Gast die Hand drückten, donnerte bereits vom Rednerpult eine dramatisch anmutende Ansprache. Auf Jiddisch!

Dies war meine erste Begegnung mit einer eigenartigen und faszinierenden Kultur, deren Anhänger zwar durch ihr exotisch anmutendes Äußeres unübersehbarer Bestandteil des Stadtbildes sind, jedoch den meisten New Yorkern so fremd bleiben wie Menschen aus einer anderen Zeit: Es ist die Welt der Chassidim, ultraorthodoxer Juden, die ihre Wurzeln im Osteuropa des 18. Jahrhunderts haben und in Enklaven inmitten der Acht-Millionen-Metropole an ihren Traditionen festhalten. Gegen den vermeintlich unentrinnbaren Strom der Zeit.

Begründer des Chassidismus war Israel ben Elieser (1698 bis 1760), den sie "Baal Schem Tow", den "Meister des guten Namens" nannten. In einer Zeit, als ein von Askese und Intellektualität geprägter Glaube die von Verfolgung und wirtschaftlicher Not bedrohten einfachen Juden in Osteuropa nicht zu trösten vermochte, löste dieser mit seiner mystisch-religiösen Volksbewegung ein spirituelles Feuer aus. Durch die von Martin Buber gesammelten Legenden über die Wundertaten des Baal Schem und der ihm nachfolgenden Weisen ist die Essenz der Lehre erhalten geblieben. Von den Chassidim selbst gibt es jedoch kaum noch Spuren in dieser Region. Hatte bereits die Russische Revolution und der Aufstieg des Kommunismus zu einer Auflösung der chassidischen Zentren in der heutigen Ukraine geführt, rottete der Holocaust diese Kultur in Ost- und Mitteleuropa fast gänzlich aus. Die wenigen Überlebenden flüchteten zumeist in die USA oder nach Israel, wo sie versuchten, sich nach dem Vorbild ihrer zerstörten Gemeinschaften wieder zu sammeln: "Lubavitch", "Satmar", "Ger", "Bobov", "Skver", "Vizhnitz", "Sanz", "Puppa", "Munkacz" und "Spinka" heißen einige der Sekten, deren Namen an die Städte ihrer Herkunft erinnern und deren Anhänger sich wie eh und je um ihre spirituellen Führer, die väterlich verehrten "Grand Rebbes", scharen.

Die Umstände der Wiedergründungen dieser Dynastien in New York waren zumeist dramatisch. Viele Sekten erzählen von der legendären Errettung ihres damaligen Rebbe vor dem Holocaust und vom Neuaufbau von Gemeinschaften mit wenig verbliebenen Getreuen in der Neuen Welt, die viele Orthodoxe lange Zeit als regellos, materialistisch, als "treyfe medina", unreines Land, verteufelt hatten. Sie berichten von der Schwierigkeit, als Gemeinschaft zu überleben, die ihre Auslegung des Gesetzes Gottes nicht den Wertvorstellungen der sie umgebenden Gesellschaft opfern wollte, und von den Komplikationen, die eine kompromisslose Einhaltung des "Schabbes" bei der Arbeitssuche - und damit für das materielle Überleben - bedeutete. Die örtliche (und geistige) Absonderung in eigenen Stadtvierteln, die sehr konservativen Wertvorstellungen, die reglementierte Rolle der Frau, die Art der Kleidung, die Ablehnung von Radio und Fernsehen sowie später des Internets als verderblicher Einfluss auf die Gläubigen: All das ließ jedenfalls auch noch viele Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg das Chassidentum in New York als nicht viel mehr erscheinen als ein hartnäckiges Relikt aus der Vergangenheit.

Doch das Blatt hat sich gewendet. Im ethnischen und kulturellen "salad bowl" von New York, einer Stadt, deren wunderbarste Eigenschaft das im Großen und Ganzen achtungsvolle Nebeneinander des Verschiedenartigen ist, haben die Chassidim aller Wahrscheinlichkeit zum Trotz eine wundersame Renaissance erlebt. Geht man heute durch Williamsburg, Borough Park oder andere Viertel des New Yorker Stadtteiles Brooklyn, wird man Zeuge einer beeindruckend vitalen Subkultur, die einem als Mitteleuropäer fremd und vertraut zugleich erscheint. So ähnlich könnte es gewesen sein, vor dem Krieg, in Krakau oder Czernowitz: Man sieht belebte Straßen mit koscheren Läden, Bethäusern, Tora-Schulen, Buchhandlungen mit jiddischer Literatur, Auslagen von Schneiderläden mit traditionellen Gewändern, Greise mit langen weißen Bärten, versunken ins Gebet, rasch dahineilende junge Chassidim, deren Schläfenlocken bei jedem Schritt zittern - und vor allem sieht man eines: viele Kinder.

Wird in der westlichen Kultur Kinderreichtum oft als Belastung empfunden, bildet er für die Orthodoxen den wahren Sinn des Lebens. "Gott hat uns auf die Welt gebracht, damit wir uns vermehren", sagte mir einmal voller Stolz ein Rabbiner und Vater von zehn Kindern, der mit dieser Anzahl selbst den chassidischen Durchschnitt von sieben deutlich übertrifft. Da den Chassidim höhere weltliche Bildung und somit auch zumeist größerer Wohlstand verwehrt bleiben, bringt dieser Kinderreichtum oft ein Leben an der Armutsgrenze mit sich. Doch die Gemeinschaft lindert die Not, indem sie mit autonomen Sozialnetzen sowie eigenen Gesundheits- und Bildungseinrichtungen für die Ihren sorgt.

So sind über Jahrzehnte, für die Außenwelt fast unbemerkt, große Gemeinschaften herangewachsen. Heute schätzt man die Zahl der Chassidim im Großraum New York auf mindestens 165.000. Dermaßen gestärkt wird auch in das Umland New Yorks expandiert: Etwa 60 Kilometer nördlich der Metropole haben beispielsweise die aus Satu Mare im heutigen Rumänien stammenden "Satmarer" in den 1970er-Jahren ein Schtetl aus dem Boden gestampft, das sie nach ihrem damaligen Rebbe, Joel Teitelbaum, "Kiryas Joel", Joels Stadt, nannten. Die augenscheinliche Vitalität dieser ultraorthodoxen Kultur hat insbesondere eine Volksgruppe in New York überrascht: die jüdische selbst. Im Großraum New York leben mit knapp 1,3 Millionen mehr Juden als irgendwo sonst außerhalb Israels. So groß diese Gemeinschaft ist, so facettenreich ist sie in religiöser, kultureller und ethnischer Hinsicht. Von glühenden Zionisten bis zu überzeugten Antizionisten, von den Aschkenasim Mitteleuropas über die mediterranen Sepharden bis hin zu Juden zentralasiatischer Abstammung reicht das Spektrum.

Bei aller Unterschiedlichkeit haben die meisten etwas gemein: Sie gliedern sich in die umgebende Gesellschaft ein und arbeiten sich oft die soziale Leiter hinauf. Und ebendieser Mehrheit können die Chassiden in Brooklyn bestenfalls als anachronistisch wirkende entfernte Verwandte erscheinen, die wiederum für ihre assimilierten Glaubensbrüder nur Häme und Schelte übrig haben. Trotz dieser distanzierten Beziehung blicken heutzutage jene einflussreichen Organisationen, die den jüdischen "Mainstream" politisch repräsentieren, mit einem gewissen Respekt über den East River, der Manhattan von Brooklyn trennt. Denn für das nicht orthodoxe Judentum in den USA, das sich durch Assimilation und Geburtenrückgang in seiner gesellschaftlichen Position gegenüber schnell wachsenden Volksgruppen wie den Hispanics zusehends geschwächt sieht, könnte die Vitalität der rigiden Welt der Chassiden fast wie die Erteilung einer göttlichen Lektion erscheinen.

Besonders hohe Wellen schlägt die chassidische Bewegung der "Chabad-Lubavicher", deren spirituelles Zentrum ebenfalls in New York beheimatet ist. Die Sekte hatte mit dem 1994 verstorbenen Rabbi Menachem Mendel Schneerson über Jahrzehnte einen charismatischen Grand Rebbe. Geleitet von seiner Vision, dass die Ankunft des Moshiach, des Messias, unmittelbar bevorstehe und durch Akte der Barmherzigkeit und Befolgung der göttlichen Gebote beschleunigt werden könne, schuf Schneerson eine weltweite Bewegung. Heute sendet diese Tausende Emissäre in alle Welt aus, um - mit enormen Erfolgen - Juden zum Glauben zurückzuführen. "Wo immer es Coca-Cola gibt, dort sind auch wir", erklärte mir dazu augenzwinkernd ein Repräsentant der Bewegung, die auch über eine kleine Gemeinde in Wien verfügt. Diese hat mit Unterstützung des ehemaligen US-Botschafters in Österreich, Ronald Lauder, im zweiten Wiener Gemeindebezirk ein jüdisches pädagogisches Zentrum eingerichtet - am neu benannten Rabbiner-Schneerson-Platz.

Stellt diese missionarische Offenheit von "Chabad" eine Ausnahme in der Reihe der chassidischen Sekten dar, darf man bei der sonst vorherrschenden Abgewandtheit von der restlichen Gesellschaft dennoch nicht den Pragmatismus und das politische Geschick unterschätzen, die oft im Kontakt mit der Außenwelt an den Tag gelegt werden. Als ich Rabbi David Niederman, dem Präsidenten der "United Jewish Organizations of Williamsburg", einem Dachverband religiöser, sozialer und schulischer Einrichtungen dieses Stadtteils, in seinem etwas desolaten Büro einen Besuch abstatte, erzählt er mir, unterbrochen von zahlreichen Telefonanrufen, von seiner Arbeit. Er schildert mir den Kampf mit der New Yorker Stadtverwaltung um sozialen Wohnbau für die wachsende Gemeinde, spricht über die Kunst der Verständigung mit anderen Volksgruppen, über sein nicht lange zurückliegendes Treffen mit Hillary Clinton und über den afroamerikanischen Baptisten-Prediger Edolphus "Ed" Towns, dem die Chassidim als US-Kongressabgeordneten ihres Distriktes seit vielen Legislaturperioden das Vertrauen schenken. Nein, ihr Vertreter in Washington müsse kein Jude sein, das Einvernehmen mit den Schwarzen sei sehr gut.

Für Österreichs Diplomatie in New York ist Rabbi Niederman auch eine langjährige Verbindungsperson zur ultraorthodoxen Gemeinschaft New Yorks - einer Gesellschaft, die den meisten ausländischen Repräsentanten verschlossen bleibt. Die von ihm geleitete Flüchtlingshilfsagentur "Rav Tov" ist eine jener Organisationen, die gemeinsam mit der Bundesregierung seit den 1970er-Jahren Juden bei der Emigration aus der damaligen UdSSR und anderen Teilen der Welt unterstützte. Insgesamt erlebten über 360.000 Juden auf diese Weise Wien als Tor zur freien Welt. Eine Tatsache, die Österreich im Kreise der Chassidim hoch angerechnet und immer wieder lautstark publik gemacht wird. "Ohne Österreichs Hilfe wäre unsere florierende Gemeinschaft nicht vorstellbar!", ließ Niederman vor einigen Monaten die staunende politische Prominenz bei der Eröffnung einer Veranstaltung wissen, bei der Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens New Yorks für Verdienste um die chassidische Community geehrt wurden.

Im Scherz wurde mir einmal gesagt, es gäbe im Judentum eine Reihe von Festen, die man mit den Worten zusammenfassen könne: "Sie wollten uns töten. Sie haben's nicht geschafft. Lasst uns essen, lasst uns feiern!" In diesem Sinne erscheint ganz New York wie ein jüdisches Fest des über die Vernichtung triumphierenden Lebens. Auch und ganz besonders für die Chassidim. Und Österreich, das sich immer mehr seines mitteleuropäischen Erbes besinnt - samt seiner jüdischen Kultur und samt seiner Schtetlach - kann sich mit ihnen freuen. [*]

http://diepresse.com/home/diverse/zeichen/57171/index.do?from=suche.intern.portal


Mein Kommentar:

Der Autor Jerome R. Mintz beschreibt in seinem Buch "Hasidic People" den Wiederaufbau bzw. die Neuorientierung chassidischer Gruppe in New York. Dabei geht er vor allem auf Bobov, Satmar, Karlin und die Lubawitscher (Chabad) ein.
Eine wunderbare Dokumentation, die ich derzeit auseinandernehme, um an dieser Stelle darüber zu berichten.

Bis in die sechziger Jahre hinein gehörte auch noch der New Yorker Stadtteil CROWN HEIGHTS zum neuerrichteten chassidischen Center. Dieses änderte sich jedoch allmählich, da es immer mehr Auschreitungen von Schwarzen gegenüber den ansässigen Chassidim gab. Zusätzlich war die hohe Kriminalitätsrate der schwarzen Bevölkerung ein Problem.
Das Resultat war, dass viele Gruppen ins benachbarte Borough Park (Boro Park) zogen. Bestes Beispiel hierfür sind die Bobover Chassidim, die ihren Stammsitz in Boro Park eröffneten.
Die einzige Gruppe, die tatsächlich in Crown Heights blieb, sind die Lubawitscher. Und das bis heute mit extremen Ausfällen der schwarzen Bevölkerungsschicht gegen die Chassidim. Von einem netten Miteinander kann zumindest dort keine Rede sein !

Zur Missionierung der Lubawitscher in New York:
Ihre Missionspolitik brachte Chabad nicht selten in Schwierigkeiten. Schauen wir nur auf den Fall des Mendel (Menachem) Wechter, ein Satmarer Chassid, der zu Chabad wechselte und einige seiner Studenten mit sich zog. Hierzu ist viel zu sagen und der Fall ist einen eigenen Artikel wert, doch soll nur einmal erwähnt sein, dass Chabad, zumindest in der Vergangenheit, ihre besten Lehrer aussandte, um zu missionieren. Nicht wie sonst üblich, irgendwelche Neurelig., die da meinen etwas zu wissen, sondern richtig gezielt geschulte Leute, die eigentlich Talmidim Chachamim (herausragende Lehrer) waren. Satmar ist mit irgendeinem neurelig. Schalich (Chabad - Abgesandten) nicht beizukommen und da muss schon ganz anderes Kaliber her.
In Satmar jedenfalls war man sauer und reagierte dementsprechend.

Weiterhin versuchte Chabad, ihre abgespaltene Gruppe, die Malachim, wieder für sich zu gewinnen und begann in dem 50iger Jahren mit einem Missionszug in die New Yorker Synagoge der Malachim. Man schmiss die Chabadnikkim hinaus, dennoch kehrten zwei oder drei Malachim zurück zu Chabad.

Was damals noch möglich war, dürfte heute schwieriger sein, denn heutzutage hegt Chabad den negativen Beigeschmack der Meschichistim. Es macht sich für einen "anständigen" Chassid nicht gut, in eine Gruppe zu wechseln, die dermassen gespalten ist und ein Teil den Lubawitscher Rebben als Meschiach verehrt.
Leider ist damit der gute Ruf, den Chabad einst innehielt, dahin.

Freitag, 24. Oktober 2008

Guest Posting von Yisroel - Stimmen der Admorim und Ben-Zion Halberstam von Bobov

B"H

Schon immer war ich neugierig darauf zu erfahren, wie denn wohl ein chassidischer Tisch in New York (Boro Park, Williamsburgh, etc.) ausschaut. Da ich in Israel lebe und nicht in den Staaten bin, fragte ich einmal herum, ob nicht jemand von dort Interesse hätte, einige Gastbeiträge zu verfassen. Yisroel, ein Chazan, sagte sofort zu und ich bin ihm sehr dankbar dafür.

Dieses ist sein erster Artikel und ich hoffe, dass das Thema bei den Lesern ankommt !


Vokabel:
ADMURIM (ADMORIM) – Adoneinu Moreinu Rabbeinu = ein chassidischer Rebbe
_________________


Stimmen der Admorim und Ben-Zion Halberstam von Bobov:

Es gibt wohl kaum ein Gegenargument, dass die süßeste Stimme unter den heutigen Rebben die des Ben – Zion Halberstam ist.

Um mich kurz vorzustellen:
Mein Name ist Yisroel und ich bin ein Baal Teshuva (geborener Jude und im späteren Verlauf des Lebens religiös geworden). Ich bin ein begeisterter Leser von Miriam's SHEARIM. Ich arbeite als Chazan (Vorsänger in der Synagoge) und ungefähr während der letzten drei Jahre begann meine Liebe zum Chassidismus.

Es begann in einem Stiebel (kleine Synagoge) in Lakewood, New Jersey (USA), wo ich einen Schabbat verbrachte. Sobald das Eröffnungslied "Lechu Neranana" erklang, war ich hin und weg. Niemals zuvor hatte ich Leute so laut beten hören. Ich wußte von modern - orthodoxen Synagogen, die sehr litvischen Synagogen in Lakewood, in denen gewiß niemand "Lecha Dodi" zu laut sang, und ich wußte von den konservativen Synagogen. Hier jedoch wurden die Worte nicht nur laut ausgesprochen, sondern ausgerufen ! Laut herausgesungen von "Lechu Neranana bis hin zu "Et Menuchati". Jedes Wort wurde mit Leidenschaft und Intensität gausgesprochen. Als wir beim Lied "Lecha Dodi" ankamen, hörte ich eine chassidische Melodie (Niggun), bei der ich mich sogleich heimisch fühlte. Jeder sang mit – sogar die kleinen Kinder.

Es war eine Erfahrung, die mich letztendlich jene Wörter analysieren liess, welche ich seit wenigen Jahren als Chazan zu sagen pflegte. Schließlich befasste ich mich immer mehr mit dem Gebet und so lernte ich eine ganz neue Bedeutung kennen. Seit diesem ersten Erlebnis mit den Chassidim habe ich praktisch jede meiner arbeitsfreien Wochen als Chazan genutzt, um am Schabbat chassidische Gemeinden zu besuchen. Niemals zuvor fand ich bessere relig. Inspirationen als in den chassidischen Melodien (Niggunim). Immer noch entdecke ich Neues, wenn ich Gemeinden wie die der chassidischen Gruppen Satmar, Skver, Bobov, Belz und Stolin (Karlin) besuche.

Am Chol HaMoed (Zwischenfeiertage) Sukkot nahm ich am chassidischen Tisch bei Bobov in der 48. Straße teil. Nach einem ewigen Warten in der Sukkah (Laubhütte), entschied ich mich dafür, etwas die Synagoge zu erforschen; nur um zu entdecken, dass in ihr schon ein vorzeitiger Tisch stattfand. Die Synagoge war gerammelt voll (vielleicht 1000 Leute) und die Frauenemporen waren ebenso gefüllt. Das Interessante an Bobov ist, das ein Mann, welcher in den zweiten oder dritten Stock hinaufschaut, die Frauen sehen kann, falls diese stehen sollten; was sie übrigens meistens tun. Bobov scheint diesbezüglich liberaler zu sein als andere Gruppen.

Gesang und Tanz auf den vorderen Bänken (der Männer) waren sehr bewegend und intensiv. Erfolgreich gelang ich in die vorderste Reihe und schüttelte sogar dem Rebben die Hand. Er wünschte mir einen schönen Feiertag zusammen mit einem warmem Lächeln. Kurz darauf begann der chassidische Tisch in der Bobover Sukkah (Laubhütte) und es gab eine Menge zu essen. Tatsächlich stopfte ich mich bis zum Eintreffen des Rebben voll Kugel (Pastete) und Salate.
Zu Beginn sang der Rebbe "Shir HaMa'a lot" dreimal, so wie es der Brauch in Bobov ist. Die Chassidim stimmten jedesmal nach wenigen Versen mit einer Melodie ein. Jeder singt wie auf ein Stichwort. Bei Bobov wird nichts dem Zufall überlassen zu sein und Spontanität scheint ausgeschlossen. Jeder hat seinen Platz, jede Melodie ist festgelegt, jeder Ton erfolgt genau zu seiner Zeit. Nichtsdestotrotz ist diese Planung wunderbar und die Stimme des Rebben beim "Sir HaMa'a lot" zu hören liess mich nur so wegschmelzen. Zum ersten Male hörte ich ihn mit dem Mikrofon (ohne Mikro hat er eine eher dünne Stimme) und die Süße der Stimme stach auf diese Weise besonders hervor. Ich stellte mir leuchtende Farben vor, die von seinen Lippen kommen und so den süßen Gesang begleiten.

Von all den Rebben habe ich nie zuvor einen schöneren Gesang vernommen. Der zweite Rebbe (die Chassidut Bobov ist in zwei Gruppen mit je einem Rebben gespalten), Rabbi Mordechai David Unger, liegt in seinem Gesang nicht weit hinter dem Rebben Ben – Zion Halberstam. Allerdings scheint er die Wörter noch intensiver auszusprechen bzw. sie auszudrücken. Manche mögen das eine höhere Kavanah (Konzentration) nennen. Was immer es auch ist, es gleicht einer süßen Stimme in sich selbst.

Eine weitere bemerkenswerte Stimme hat der Kaliver Rebbe. Ja, sie ist ein wenig brüchig, aber dennoch einzigartig. Er scheint so ausgesprochen angesehen zu sein, dass er sogar bei der Belzer Bar Mitzwah im vergangenen Jahr gebeten, einige Lieder vorzutragen. Einer meiner weiteren Lieblingssänger ist der chassidische Rabbi Gerstner, jedoch verfüge ich über keine näheren Informationen seine Person betreffend. Falls jemand mehr weiß, kann er mich das gerne wissen lassen. Auf der DVD "Bechatzrot Kadsheinu" scheint er wie ein großer Rabbiner behandelt zu werden. Er hat eine ungewöhnlich süße Stimme. Ich hörte ihn das berühmte Lied Ilan singen genauso wie er einige Segen sprach.

Aber zurück zum Bobov Tisch. Die Sukkah war bis zur letzten Kapazität gefüllt und schließlich, wie in jedem Jahr, zogen die Geiger hinter dem Rebben in Stellung. Ungefähr ein Dutzend Geiger spielten einige bekannte Lieder wie das "Kol Rina", in welches alle miteinstimmen wollten. Allerdings wurde man zur Ruhe befohlen. Der Auftritt war nicht so professionell wie der eines Orchesters, aber für die Gelegenheit war es durchaus passabel. Sicher zehnmal besser als wenn der Kretchnifer Rebbe oder der Zutchka Rebbe (so glaube ich) an Chanukkah spielen. So jedenfalls ist es ihr Brauch. Ich glaube, dass der Premishalemer Rebbe auch Violine spielt; aber besser als die anderen Rebbes.

Bobov verfügt über einen interessanten Brauch, wenn Leute von außerhalb anwesend sind. Vielleicht nicht nur dann, sondern auch zu anderen Zeiten – was ich aber bisher noch nicht miterlebte. Man verteilt riesige Bierflaschen und jede Flasche ist einer bestimmten Person von außerhalb der Stadt gewidmet. Der Gabbai schreit dann "Yossele Greem aus London" und die Flasche erreicht die ausgerufene Person. Der Empfänger teilt nach Erhalt den Flascheninhalt mit seinen Banknachbarn. Dasselbe gilt für die Shirayim, das Essen, welches der Rebbe austeilt" "Yosef Baus aus Bnei Brak" und jeder Chassid reicht das Essen an den ausgerufenen Empfänger weiter. Irgendwie landete ich dort, wo viel Bier ausgeteilt wurde und ich war fast am alkoholischen Ende. Der Gesang ging weiter und danach sprach der Rebbe für ungefähr 25 Minuten. Insgesamt war es eine wundervolle Nacht. Der Bobover Tisch ist definitiv eine Erfahrung; dennoch scheint er für mich persönlich niemals die Intensität des Skverer oder Karlin – Stoliner Tisches zu erreichen.

In den folgenden Wochen werde ich bei Satmar und Skver vorbeischauen und freue mich auf neue Berichterstattungen.

Dienstag, 29. April 2008

Die kontroverse Unantastbarkeit

B"H

Mir ist durchaus bewußt, dass ich mich mit diesem Artikel auf brüchiges Eis begebe und aufpassen muß, dass man mich nicht falsch versteht oder falsch verstehen will. Falsch verstehen will eben deswegen, weil diverse rechte Gruppierungen sowie Holocaust - Leugner meine Argumente für ihre kranke und absurde Propaganda ausschlachten könnten. Aber dieser Gefahr läuft man überall, denn heutzutage kann einem jeder das Wort im Munde umdrehen.

Am morgigen Mittwoch abend beginnt in Israel der Holocaust - Gedenktag "Yom HaSchoah" und wird bis Donnerstag abend mit vielen Trauer - und Gedenkveranstaltungen begangen. Holocaust - Überlebende kommen ohne Ende zu Wort und das 2. staatliche Fernsehen plant einen umstrittenen Dokumentarfilm auszustrahlen. Es geht um die Geldernutzung der Holocaust - Opfer, aber das soll an dieser Stelle nicht mein Thema sein.

Vielmehr will ich mich seit langem mit einem ganz besonderen Thema beschäftigen, finde aber so gut wie nie die Zeit dazu. Das Thema existiert und es gibt einige, wenn auch wenige, Veröffentlichungen dazu. Sich schnelllebig damit auseinanderzusetzen, bringt nichts, denn das Thema ist kompakt und erfordert viel Research.Und ich gebe zu, dass ich es dazu noch nicht geschafft habe. Was ich zumindest tat war, mich mit einigen Chassidim der Gruppen Belz und Gur über die Problematik zu unterhalten.

Egal wo, wenn es um Holocaust - Darstellungen und die Opfer geht, stehen die Chassidim in den meisten Fällen weit hinten an. Selbst bei Marcel Reich - Ranicki, der sich ihnen gegenüber ablehnend in der Autobiographie äußerte. Er, Ranicki, sei im Warschauer Ghetto immer darauf bedacht gewesen, sich westlich zu kleiden und somit einen gewissen "zivilisierten" Eindruck zu machen.

Die Chassidim selber haben wie kaum eine andere jüdische Gruppe immens unter dem Holocaust gelitten। Immerhin ging es bei ihnen auch um den Erhalt der eigenen chassidischen Gruppe. Viele von ihnen wie Belz, Vishnitz, Satmar, Zanz - Klausenburg oder Bobov (um nur einige wenige Beispiele zu nennen) schafften dies nur mit Mühe und Not. Aber gerade innerhalb der Chassidut tut sich noch eine zweite Problematik auf, die seitens der Chassidim zwar bekannt ist, doch nur in seltenen Fällen oder gar nicht diskutiert wird. Dagegen findet man auf mehr oder weniger jüd. - relig. Websites mehr Anschuldigungen. Ob diese Anschuldigungen tatsächlich so der Wahrheit entsprechen, entzieht sich meiner Kenntnis. In dem Wust von widersprüchlichen Aussagen konkrete Hinweise zu finden, ist für den oberflächlichen Betrachter kaum mehr möglich.

Bei der Problematik geht es um das Verhalten einiger chassidischer Rebben im Holocaust. Inwieweit haben sie ihre Chassidim wirklich gewarnt oder ihnen gar befohlen, Europa zu verlassen ? Im Internet wird der einstige Belzer Rebbe, Rabbi Aharon Rokeach, beschuldigt, seinen Chassidim gesagt zu haben, dass sie Europa nicht verlassen sollen. Aber da ich mich derzeit ausgiebig mit Rebbe Aharon Rokeach und seiner Flucht vor der Gestapo / SS befasse, weigere ich mich oft, diese Anschuldigung zu glauben. Hat nicht gerade der damalige Belzer Rebbe unendlich unter den Nazis gelitten ? Verlor er nicht seinen Sohn, Rabbi Moshe Rokeach, als die Nazis eine Synagoge anzündeten und alle (auch ihn) anwesenden Chassidim in die Flammen zwangen ?
Und verlor er nicht seinen jüngeren Bruder Rabbi Shalom von Opatov (Apta) als sich dieser im Wald versteckte und letztendlich verhungerte ? In wahrlich letzter Minute war es den Belzer gelungen, den Rebben aus Europa nach Palästina zu schmuggeln und somit die Chassidut Belz am Leben zu erhalten.
Zur Erläuterung: Bei Kriegsausbruch lag das Städtchen Belz in Polen, heute gehört es zur Ukraine.

Der damalige Rebbe der Chassidut Gur (Polen) hatte es einfacher, denn er konnte sich problemlos rechtzeitig nach Palästina absetzen. Die Chassidut Gur war damals schon ein Begriff und ihr Rebbe eine bekannte Persönlichkeit. Anders hingegen bei der Chassidut Satmar (Rumänien), die zu Zeiten des Zweiten Weltkrieges über fiel weniger Einfluß verfügte. Und so fand sich der im Jahre 1979 verstorbene Rebbe Yoel Teitelbaum in einem Arbeitslager wieder. Zumindest bis zu seinem Freilassung und Abreise in die sichere Schweiz.

Inwieweit haben einige chassidische Rebben ihre Chassidim im Stich gelassen oder ihnen verkündet, Europa nicht zu verlassen ? Ein schwer verdauliches Thema. Einige Gerer Chassidim (Gur) erzählten mir, dass heutzutage die Chassidut Gur fast nur aus Newcomern nach dem Kriege bestehe. Die alten originalen Gerer seien fast alle im Holocaust umgekommen. Insgesamt verlor die Chassidut Gur mehr als 100.000 Anhänger.

Aber sehen die Chassidim selber das Entkommen des Rebbe als "im Stich lassen" oder nicht eher als lebenswichtigen Faktor zum Erhalt der eigenen Gruppe ? Letzteres spielt mit Sicherheit eine entscheidene Rolle und meines Wissens nach sind Zweifel, Beschuldigungen oder dergleichen innerhalb den einzelnen chassidischen Gruppe absolut nicht an der Tagesordnung. Heute nicht und zu Zeiten des Holocaustes genauso wenig.
Aber unterscheiden sich die Chassidim so sehr von anderen europäischen und insbesondere deutschen Juden der damaligen Zeit ? Glaubten nicht gerade die deutschen Juden an einen schnell vorübergehenden Nazi - Spuk, den man schon irgendwie überstehe ? Und als es dann wirklich ums Überleben ging, jegliche Ausreisemöglichkeit schon zu spät war.

Wenn einige chassidische Rebben ihren Chassidim tatsächlich von einer Flucht abrieten, dann basieren die Gründe vorwiegend auf kabbalistischen Konzepten.
Und war es für die Rebben so einfach, abzureisen und die Chassidim zurückzulassen. Ehrlich gesagt, bin ich nur allzu froh, nicht diese Entscheidungen gefällt haben zu müssen.

Es gibt immer mehrere Seiten im Leben und auf der einen Seite finden wir hier jene Rebben, welche die Existenz der Gruppe sicherstellen wollten und ins Ausland abreisten und es gibt andere, die zusammen mit ihren Chassidim in den Tod gingen. Man stelle sich einmal ernsthaft die Frage, welche Alternative besser ist.
Und dann kommt man zu der Antwort, dass es keine Antwort gibt.


In einem weiteren kontroversen Artikel werde ich mich mit der Ansicht der anti - zionistischen Dachorganisation "Edah HaCharedit" sowie deren Holocaust - Theorien etwas näher befassen !!!