Sonntag, 11. April 2010
Ein Schlüssel auf der Challah
Als ich am Schabbat in Mea Shearim (einer der ultra - orthodoxen Stadtviertel Jerusalems) eingeladen war, lernte ich von meinen Gastgebern einen neuen chassidischen Brauch, der mir bis dahin völlig unbekannt war:
Am Schabbat nach Pessach wird auf einer der Challot (Schabbatbrote) ein extra Zusatz aus dem Brotteig aufgebacken. Und das in der Form eines Schlüssels. Dieser Schlüssel wird auf die Challah gebacken und repräsentiert das "Tor zum Einkommen für ein neues Jahr". Die entsprechende Familie soll über einen ausreichenden Lebensunterhalt verfügen. Auch bei Chabad wird dieser Brauch eingehalten.
Der Teigschlüssel wird nicht aufgehoben, sondern mit der Challah gegessen.
Dienstag, 2. März 2010
Mitzweh Tanz des Toldot Aharon Rebben
Der "Mitzweh Tanz" bildet den krönenden Abschluss einer chassidischen Hochzeit. Dann tanzt der Rebbe mit der Braut, welche einer seiner nahen Verwandten heiratet. Sollte es sich um die Tochter oder Enkelin des Rebben handeln, findet der Mitzweh Tanz ebenso statt.
Hier sehen wir den Toldot Aharon Rebben aus Mea Shearim beim Mitzweh Tanz einer seiner Enkelinnen in Williamsburgh / New York.
Dienstag, 24. Februar 2009
Der Bankrott zu Purim
In zwei Wochen ist Purim und wenn sich dann viele verkleiden, betrinken oder sonst irgendwie feiern, denkt so manch einer an das liebe Geld, was zugunsten des Feiertages fast schon zum Fenster hinausgeworfen wird. Besonders bei religiösen Familien muss allein im Monat März der Cashgürtel enger geschnallt werden, denn Purim frisst eine Menge Geld auf. Dabei ganz oben: Die "Mischloach Manot - das Versenden von Geschenkekörben".
Wer kennt es nicht: Plötzlich klingelt es vor Purim an der Haustür, das Nachbarskind steht da mit einem Geschenkkorb und drückt uns alles toll verpackt in die Hand. Man gibt dem Kind eine kleine Aufmerksamkeit und fragt sich danach, ob der Nachbar jetzt ebenso ein Geschenk erwartet. Empfangen und wiederzurückgeben. Und dann wird aufgerechnet: "Mein Korb kostete ungefähr 50 Euro, okay, kriegt Nachbar halt auch einen 50 - Euro - Geschenkekorb".
Ist das der Sinn und Zweck der Mitzwah der "Mischloach Manot" ? Eigentlich soll nicht unbedingt alles nur an die besten Freunde oder Verwandte gehen, sondern vielmehr oder gerade an Leute, die man das Jahr über nicht so beachtet oder denen man nicht nahesteht. Was ist mit dem Nachbarn, der einem nur mürrisch entgegenblickt ? Warum nicht ihm Mischloach Manot senden ? Wieso nur an Menschen, die man mag ? Ist es nicht ein höherer Level jenen eine Geschenk zu senden, die man gerade nicht so mag ?
Spirituelle Gedanken hin oder her, ich habe an dem ganzen Geschenkerausch etwas anderes auszusetzen; nämlich die Geschenke an sich. Seit Jahren versende ich keine Mischloach Manot mehr. Ah, doch vor zwei Jahren an eine Freundin. Last - Minute - Geschenk, denn sie stand einfach da und drückte mir einen Korb in die Hand.
Was tun ? Halt auch einen Korb besorgen ?
Genau das tat ich und kam mir ausgesprochen dämlich vor. Wieso etwas verschenken, wenn man es eh auf die ein oder andere Weise zurückerstattet bekomm ? Und falls nicht, wird Trübsal geblasen und geschworen, beim nächsten Purim demjenigen Verräter nichts mehr zu kaufen.
Mir ist das Spiel einfach zu nervig geworden und ich stieg aus. Leid tun mir nur all die kinderrreichen relig. Familien, die eh manchmal kaum Geld haben, um richtig über die Runden zu kommen. Trotzdem werden Geschenkekörbe für Nachbarn, Freunde, Verwandte und den Rabbiner angeschafft; und da man schließlich nicht hinten anstehen will, gleich zu höheren Summen. Das gehört als so zum Image dazu.
Mittlerweile hat sich in Israel ein wahrer Boom entwickelt und es gehen Tausende Körbchen über die Ladentheken. Und wenn das Geld ausgegeben ist und den Rest den Monats fast von Wasser und Brot gelebt wird, steht das nächste kostspielige Fest vor der Tür. Genau einen Monat nach Purim feiern wir Pessach.
Samstag, 21. Februar 2009
Slonim Sidur
Bezüglich meines englischen Blogs fragte mich ein Leser nach der NUSSACH der Chassidut Slonim.
Wer sich nicht gerade zu sehr mit dem Chassidismus bzw. den chassidischen Gruppen beschäftigt, dem mag die Chassidut SLONIM absolut unbekannt sein. In Mea Shearim / Jerusalem hingegen gibt es einige Hunderte von ihnen und sie geniessen unter den dortigen Bewohnern einen äußert guten Ruf. Wobei immer zwischen den Slonim aus Bnei Brak (nahe Tel Aviv) sowie den Jerusalemer Slonim unterschieden werden muss. Im hauseigenen Slang heissen jene in Bnei Brak "die schwarzen Slonim", denn sie sind konservativer als ihre Konkurrenz "der weissen Slonim" in Mea Shearim. Beide Richtungen sind miteinander verfeindet und haben zwei unterschiedliche Rebben, die jedoch der gleichen Familie entstammen.
Gestern abend, am Erev Schabbat, war ich beim chassidischen Tisch der Slonim in Mea Shearim und schaute durch deren Sidur (Gebetbuch). Nicht wenige chassidische Gruppen verfügen über ihre eigenen Sidurim (Gebetbücher), außer, zum Beispiel, die Chassidut Gur (Ger), die kein eigenes Gebetbuch besitzt.
Ein eigenes Sidur zu haben, bedeutet aber keineswegs, dass jetzt eigene Gebete angesagt sind, sondern vielmehr beinhaltet es die regulären Gebete gemäss der Halacha. Was anders ist, sind gewisse Zusätze. Meist kabbalistisch und vor allem chassidisch. Unter anderem Gebete des Kabbalisten Rabbi Yitzchak Luria sowie des Baal Shem Tov.

The Slonimer Rebbe Shmuel Berezovky aus Mea Shearim.
Das Sidur der Slonim heißt "Magen Avraham" und nach oberflächlichem Durchschauen stellte ich zumindest fest, dass es keinerlei zahlreiche dieser Zusätze enthält, sondern eher einem ganz regulären aschkenazischen ARTSCROLL - Sidur ähnelt. Im Slonimer Sidur selbst findet man den Vermerk: NUSSACH SEPHARAD.
"Sepharad" bedeutet stets "chassidischer Ritus". Manche mögen dies mit sephardisch verwechseln, doch die Sepharadim beten nach dem Ritus (Nussach)"Sepharadi". Als die Chassidism ihre eigenen Gebetbücher einführten, nahmen sie eine gewisse Anzahl sephardischer Bräuche an und somit ist das chassidische Sidur der Nussach Sepharad eine Mischung aus aschkenaz und sephardischen Bräuchen und Gebeten.
Mittwoch, 12. November 2008
It's Tea Time
Neulich berichtete mir ein Chassid aus New York, wie genau einige chassidische Rebben ihre Spendengelder aus England, Kanada oder den USA für die jeweilige Gruppe zusammen bekommen. Theoretisch kann dieses Verfahren auch auf ganz reguläre rabbiner zutreffen, doch belasse ich es hier einfach einmal bei den Chassidim.
Nehmen wir an, ein chassidischer Rebbe kommt nach New York und will ein Fundraising für seine Gruppe starten. Was unternehmen dann gewöhnlicherweise seine Spendengeber oder sonstige Anhänger ?
Und was tut der Rebbe ? Geht er einfach nur so von einer Person zur anderen und bittet um Geld oder einen Scheck ?
Es ist absolut nichts Ungewöhnliches, dass zu diesem Zweck eine "Tee Party" veranstaltet wird.
Die "Tee Party" findet in einem privaten Haushalt, zum Beispiel bei einem Spendenwilligen, statt, wobei die Eintrittskarten für, sagen wir, 10,000 Dollar, ausgegeben werden. Selbstverständlich ist New York nicht Mea Shearim und alles geht etwas offener zu. Und wer als weibliche Person Glück hat, der darf eventuell mit dem Rebben sogar ein paar Worte wechseln. Ich betone hier "eventuell", denn die Regel ist das durchaus nicht. Die wenigsten chassidischen Rebbes reden überhaupt mit Frauen.
Leider habe ich keine 10,000 Dollar parat, um an solch einer "Tee Party" teilzunehmen. Dieser Preis für eine Tasse Tee überwiegt mein Budget bei weitem.
Sind vielleicht diesbezüglich irgendwelche Sonderangebote erhältlich ?
Mittwoch, 22. Oktober 2008
Interview mit dem SPINKA Rebben aus Jerusalem
Die haredischen Wochenzeitung "HaShavua Be'Yerushalaim - Diese Woche in Jerusalem" veröffentlichte ein Interview mit dem Rebben der Chassidut Spinka aus Jerusalem. Die Chassidut Spinka hat mehrere Rebben, darunter einen in New York und auch in Bnei Brak bei Tel Aviv. Besagtes Interview jedenfalls wurde mit dem Jerusalemer Rebben Mordechai David Kahana geführt.
Rabbi Kahana kritisierte insbesondere, dass heutige Chassidim einfach nicht mehr so ernsthaft bei der chassidischen Sache seien wie die vorherigen Generationen. Stattdessen sacke vieles in die Moderne ab und darunter wiederum leidet die gesamte chassidische Welt.
Die Chassidut Spinka verfügt über eine lange Tradition mit Rabbi Elimelech von Lizhensk (Lejansk), mit Koznitz oder Sidichov, zum Beispiel. Und wie erwartet, hat natürlich auch Spinka hauseigene Traditionen:
An Rosh HaShana beten die Mitglieder nicht sämtliche im Machzor (Feiertagsgebetbuch) angegebenen Piutim (Verse, Strophen), sondern nur jene, welche anhand des "Ruach HaKodesh - Heiliger Geist" empfangen und niedergeschrieben worden sind.
Nussach Spinka - Sidichov:
Gebete werden auf hoher emotionaler Basis gebetet und die Niggunim (Melodien) müssen mitten ins Herz treffen. Laut Rebbe Mordechai David Kahana ist diese Art der Nussach (Liturgie) sogar im Himmel akzeptiert.
Natürlich wurde auch die Frage angeschnitten, wie denn all die Spinka - Rebbes untereinander auskommen ? Gibt es da Neid oder etwa Unstimmigkeiten ? Falls dem tatsächlich so wäre, dann würde dies eh niemand zugeben und so sagte der Spinka Rebbe dann auch lediglich, dass alle Rebben ein tolles Verhältnis zueinander haben.

Der Spinka Rebbe aus Jerusalem
Wie dem auch so, am meisten beeindruckte mich die Kritik des Rebben an den heutigen Chassidim. Es ist kein Geheimnis, dass heutige Chassidim sich ebenso der Moderne verschrieben haben. Selbst dann, wenn sie im tiefsten Hinterhof lwohnen; die Technologie aber geht an keinem von ihnen vorbei. An den Frauen dagegen schonmal eher.
Technologie beinflusst selbst die frommsten Leute und der eine kann besser mit technologischen Versuchungen umgehen als der andere. Meines Erachtens nach ist der schlimmste Feind der heutigen haredischen Gesellschaft das Internet, denn nicht jeder Haredi hat oder will die Kraft, den virtuellen Versuchungen zu entkommen.
Rebbe Mordechai David Kahana beim Mitzweh Tanz auf einer Hochzeit
Sonntag, 24. August 2008
Feste und Kopfbedeckungen
Besuch in der Karlin - Stolin Synagoge,
Aufruf in Boyan
und
eine Frauendiskussion in einem Hinterhof von Mea Shearim.
http://hamantaschen.blogspot.com/2008/08/feste-und-kopfbedeckungen.html
Sonntag, 3. August 2008
Die Jerusalemer
Vielerseits liessen mir Chassidim ihre Meinungen über "Jerusalemer Chassidim" zukommen. In Jerusalem herrschen oft teilweise unterschiedliche Mentalitäten oder Kleidungsstile. Was ein Chassid in Bnei Brak, New York oder anderswo noch tolerieren kann oder als ganz selbstverständlich betrachtet, gilt nicht unbedingt für einen Jerusalemer Chassid.
Die richtigen alten Jerusalemer Chassidim tragen, u.a., ebenso unterschiedliche Kleidung und von daher erscheinen meine Beschreibungen manchmal abweichend von Chassidim in anderen Orten. Zum Beispiel sind die Chassidim der Toldot Aharon nur in Jerusalem an ihre Kleidung gebunden. In Bnei Brak etc. hingegen, können sie andere Kleidung tragen.
Ganz offensichtlich wird dies bei den Schomrei Emunim, einer weiteren Abspaltung der Toldot Aharon. In Mea Shearim kleiden sich die Männer am Schabbat in ihren goldbrauenen seidenen Kaftan. In Bnei Brak dagegen tragen sie einen normalen schwarzen Kaftan (für Experten: noch nicht einmal eine "Bekishe").
Die Mentalitäten unterscheiden sich dahingehend, dass die Jerusalemer aus Mea Shearim weniger nach außen gerichtet sind. Eben weil es ihnen dort möglich ist, die Außenwelt fernzuhalten bzw. sich nicht zu sehr nach außen orientieren zu müssen.
Mittwoch, 28. Mai 2008
Einblicke in die Chassidut Satmar
B"H
In Deutschland kennt man sie fast gar nicht, in Antwerpen oder London dagegen mehr: die Chassidut Satmar.
Heutzutage stellen die Satmarer weltweit die größte chassidische Gruppe mit ca. 150.000 Mitgliedern. Und das, obwohl Chabad (die Lubawitscher) gerne von sich behaupten, die Größten zu sein; dennoch sind bei Satmar die Zahlenangaben wesentlich präziser, da sich nicht jeder einfach so Satmar nennen kann, sondern erst ein strenges Aufnahmeverfahren durchlaufen muß.
Die Chassidut Satmar (aus dem rumänischen Ort Satu Mare) ist ein sehr weit gefächertes Thema und läßt sich nie ganz in einem einzigen Artikel erklären. Aufgrunddessen möchte ich die Sache langsam angehen und mit dem Buch "Satmar - Two Generations of an Urban Island" von Israel Rubin beginnen. Der amerikanische Autor Israel Rubin ist kein Mitglied bei Satmar, doch befaßt sich seit vielen Jahren mit der Gruppe. Anfang der 70iger Jahre erschien die Buchausgabe zum ersten Mal und im Jahre 1997 gab er einen Chidush, eine überarbeitete Ausgabe, heraus. Allerdings hat sich seit 1997 wieder sehr viel geändert und in unserer Zeit ist die Chassidut Satmar in zwei Hälften gespalten. Aber dazu etwas später.
Wer den Namen "Satmar" schon hört, der denkt automatisch, dass es sich da um fanatische chassidische Spinner handelt. Geradezu militärisch antizionistisch und weltfremd. Durchgeknallt halt. Genau das ist das weitverbreitete Image der Satmarer Chassidim. Meistens jedoch spiegelt das Image nicht immer die Realität wieder, aber Satmar legt nach außen hin keinen Wert auf Imageverbesserung oder Erklärungen für ihr Handeln. Viele Vorurteile entstehen immer durch einen Mangel an Wissen. Man kennt keine Details, doch hört hier oder dort etwas oder liest halt einige Dinge in der Zeitung. Das Thema "Satmar" aber ist sehr komplex und wer sich eingehend damit beschäftigt, der trifft auf Tausende von Infos, die es ersteinmal gilt, auszuwerten.
Gründer der Gruppe war Rebbe Yoel (Yoelisch) Teitelbaum. Sein Name ist unsagbar mit Satmar verbunden und gerade er ist nicht mehr wegzudenken. Satmar, das ist Rebbe Yoelisch. Zu Lebzeiten stand er im Ruf, eine absolut unzugängliche Person zu sein. Der Autor Israel Rubin weiß Gegenteiliges zu berichten, denn man mußte nur wissen, wo genau man Rebbe Yoel Teitelbaum antreffen konnte und dann war er sehr wohl für jederman zugänglich.
Rebbe Yoel Teitelbaum
Einen grundsätzlichen Fehler, den die Mehrheit der Außenstehenden immer wieder macht, ist, die Chassidut Satmar gleichzusetzen mit der Neturei Karta. Ich kann nur immer wieder wiederholen, dass beide Gruppen vollkommen unanhängig voneinander fungieren. Obwohl Satmar die Neturei Karta sowie andere chassidische antizionistische Gruppen (z.B. Toldot Aharon) finanziell unterstützt.
Satmar hat eine verhältnismäßig junge Geschichte, denn Rebbe Yoel Teitelbaum gründete die Gruppe erst in den Jahren 1904 – 1905. Der bekannteste Vorfahre von Rebbe Yoel war der "Yismach Moshe – Rabbi Moshe Teitelbaum von Ujhel (1759 – 1841)". Und durch diesen Vorfahren besitzt Rebbe Yoelisch eine direkte Verbindung zum Baal Shem Tov (ca. 1700 – 1760), denn der "Yismach Moshe" war ein Schüler des "Chozeh von Lublin – des Sehers von Lublin (1745 – 1815)". Allerdings gründete der "Yismach Moshe" niemals seine eigene chassidische Gruppe, sondern war lediglich ein Ahne Rabbi Yoel Teitelbaums. Letzterer wurde am 18 Tevet 1887 in Sighet (heute Rumänien) geboren. Im Jahre 1904, im Alter von 17 Jahren, heiratete er Chava, die Tochter des Rebben von Plantscheh (Rabbi Avraham Chaim Horovitz) aus dem Hause Horovitz. Diese chassidische Dynastie war befreundet mit dem Hause Teitelbaum sowie Halberstam. Kurz nach der Hochzeit verstarb der Vater von Rebbe Yoelisch und sein älterer Bruder, Rabbi Chaim Hirsch (Zvi) Teitelbaum, übernahm das Rabbineramt in Sighet. Rebbe Yoel war nicht gerade sehr erbaut darüber, dass sein Bruder die Rabbinerposition seines Vaters übernahm und zog aufgrunddessen nach Satmar (damals Ungarn, heute Rumänien). Im Alter von 24 Jahren war Rebbe Yoelisch das Gegenteil von seinem reservierten, ruhigen, organisierten und taktvollem Bruder Rabbi Chaim Hirsch. Die Juden in Sighet sahen gerade deswegen in Rebbe Chaim Hirsch den besseren Nachfolger und dessen jüngerer Bruder Rebbe Yoel kämpfte viele Jahre lang für seine Anerkennung in Sighet.
Zu den damaligen Zeiten gehörte die Region noch zu Ungarn und als das ungarische zionistisch – relig. Mizrachi – Movement begann, wurde es heftig von Rebbe Yoel Teitelbaum attackiert. Laut Rebbe Yoel war der Zionismus noch gefährlicher, sobald er in der "Verkleidung" der jüdischen Religion auftrat. Wer religiös ist, der könne auf keinen Fall Zionist sein.
Trotz ihres militanten Charakters und Attacken gegen die "Zionistenclubs" war Rebbe Yoels Gruppe im Jahre 1926 relativ bedeutungslos, da sie der großen Konkurrenz aus Sighet und Munkatch nichts entgegenzusetzen hatten.
Völlig unerwartet verstarb Rabbi Chaim Hirsch im Jahre 1926 und dessen Sohn war erst 14 Jahre alt. Deswegen sah Rabbi Yoel Teitelbaum nun seine Chance gekommen, Rabbiner in Sighet zu werden. Daraus wurde jedoch wieder nichts, denn interne politische Prioritätensetzungen verhinderten dies. Vier Jahre später heiratete der Sohn des Rabbi Chaim Hirsch, Rabbi Zalman Leib Teitelbaum, und wurde gleichzeitig neuer Rebbe von Sighet. Eine Position, die er bis zum Jahre 1944 innehielt. Rabbi Zalman Leib erwies sich als etwas zu jung und unerfahren und so begannen viele Chassidim aus Sighet zu seinem Onkel Rebbe Yoel Teitelbaum zu reisen. Nach einigen Rabbipositionen hier und da kehrte Rebbe Yoel im Jahre 1934 nach Satmar zurück, wo er bis 1944 blieb.
Von Mai 1944 – Ende 1945 fand das jüdische Leben in Ungarn nur noch in Budapest statt. Im ländlichen Bereich hingegen hatten die Nazis jegliches jüdisches Leben ausgelöscht. Rebbe Yoel Teitelbaum entkam den Nazis; ironischerweise retteten ihn ausgerechnet die Zionisten. Und so entkam er mit dem legendären "Kastner – Transport" in die Schweiz; einem Zug, der für 1700 Juden die Freiheit bedeutete, da Rudolf Kastner ein Abkommen mit Adolf Eichmann ausgehandelt hatte. Die 450.000 verbliebenen ungarischen Juden endeten dagegen in den Gaskammern von Auschwitz. Am 7. Dezember 1944 (21 Kislev) erreichte Rebbe Yoel Teitelbaum die schweizer Grenze. Ein Tag, der bis heute in der Chassidut Satmar gefeiert wird.
Nach einem kurzen Aufenthalt in der Schweiz zog Rebbe Yoel Teitelbaum nach Jerusalem, wo er bis zum Jahre 1946 residierte. Danach zog es ihn nach Brooklyn / New York. Dort rief er im Jahre 1948 mit einer handvoll Leuten die Gemeinde "Yeter Lev D'Satmar" im New Yorker Stadtteil Williamsburgh ins Leben. Die Gemeinde wuchs stetig an und umfasste im Jahre 1961 schon 860 Haushalte. 90% davon entstammten nicht dem ursprünglichem Satmar oder Sighet, sondern kamen aus anderen Orten. Heutzutage gibt es ein spezielles Aufnahmekommittee bei Satmar, welches über die Aufnahme eines Bewerbers abstimmt.
Im Jahre 1968 erlitt Rebbe Yoelisch einen Schlaganfall, der ihn teilweise lähmte. Obwohl er sich wieder einigermassen erholte, war er gezwungen, seine Aktivitäten auf ein Minimum zu beschränken. Im August (Av) 1979 verstarb Rebbe Yoel Teitelbaum im Alter von 92 Jahren. Rebbe Yoel Teitelbaum war zweimal verheiratet gewesen (seine erste Frau, Chava, verstarb im Jahre 1936). Mit seiner ersten Frau hatte er drei Töchter, die jedoch allesamt jung verstarben. Ein Jahr nach ihrem Tod heiratete er Alte Feiga, die Tochter des Rabbi Avigdor Schapiro. Allein die Person Feiga Teitelbaum ist einen eigenen Artikel wert, aber dazu später einmal.
Nach dem Tode des Rebben gab es keinen männlichen Erben, da Rebbe Yoelisch niemals einen Sohn hatte. Sein Neffe, der Sigheter Rebbe, Rabbi Moshe Teitelbaum übernahm das Amt des Satmarer Rebben.
Rebbe Moshe Teitelbaum beim Tanz auf einer Hochzeit
Eine kleine Gruppe innerhalb Satmars erkannte ihn nicht als Rebben an und folgte stattdessen der zweiten Frau Rebbe Yoelischs, Alte Feiga Teitelbaum (geborene Schapiro). Sie wiederum war eine höchst charismatische Persönlichkeit und nicht wenige Chassidim sahen ausgerechnet sie als Frau als die wahre Nachfolgerin auf dem Thron des Rebben. Über den offiziellen Nachfolger, Rebbe Moshe Teitelbaum, gab es heftige Kontroversen. So hatte dieser seine eigene Sigheter Gemeinde, von der Satmar kein Teil war. Des Weiteren hatte ihn sein Onkel Rebbe Yoelisch niemals öffentlich zum Nachfolger ernannt und ein Testament wurde ebenso wenig gefunden.
Das große Konzept der Chassidut Satmar lautet "Chesed – Wohltätigkeit". Außerdem soll der relig. Glaube einfach und ohne jegliche Intellektualität gehalten werden. Wahre Anhänger verspüren keinen Bedarf nach analytischen Diskussionen. Die Satmarer Chassidim achten nicht zu sehr auf die Geschichte, sondern schauen in die Zukunft – auf die Ankunft des Meschiach. Und als Antizionisten glauben auch sie an die drei Eide verankert im Talmud Traktat Ketubot 111. Aufgrunddessen betrachten sie den Holocaust als eine einzige G – ttesstrafe für den Zionismus.
Um Rebbe Yoel Teitelbaum wird bis heute auf geradezu fanatischer Personenkult betrieben. So heißt es, dass es sich bei ihm um einen "Heiligen" gehandelt hat. Bei Satmar entscheidet einzig und allein der Rebbe und niemand anderes. Und das selbst in persönlichen Angelegenheiten, denn die Chassidim wissen keine Entscheidungen zu fallen. Genau auf diese Art und Weise verhinderte Rebbe Yoelisch einst die Assimilation in die amerikanische Gesellschaft.
Die Chassidut Satmar ist eine elitäre Gruppe, unterteilt in Gesellschaftsschichten. Da sind zu allererst einmal die "Scheyneh Yidden" – die angesehenste Geselschaftsschicht: Schochtim (Schächter), Rabbiner, Nachfahren von Rabbinern, Sofrim (Thoraschreiber), Geschäftsleute, überragende Gelehrte genauso wie militante Antizionisten.
Aber wie oben beschrieben, die absolute Authorität hält der Rebbe inne, welches offiziell in Artikel 8 der internen Gesetze Takanot in jiddischer Sprache festgelegt ist:
"Seine verehrte Heiligkeit, unser Lehrer und Meister, der Gelehrte und Heilige Rebbe Yoel Teitelbaum – möge er ein langes Leben leben, Amen ! – ist unser Rabbi and möge er dies für viele Jahre bleiben. Niemand darf ihn ohne seine Zustimmung ersetzen. Er ist die alleinige Authorität in allen spirituellen Angelegenheiten. Keine einzige relig. Position darf ohne seine Zustimmung vergeben werden. Seine Entscheidungen sind für alle Mitglieder verbindlich".
Rebbe Yoelisch wurde innerhalb seiner Gruppe sogar als unfehlbar eingestuft. Fanatische Militante innerhalb Satmars gibt es nur wenige und der Rebbe kritisierte oft scharf deren wilde Exzesse. Gelegentlich sogar mit kleinen Sanktionen. Trotzdem der Rebbe die unumstrittene Führungsperson war, verlor er dennoch manchmal die Kontrolle über die Militanten. Von sich selbst behauptet Satmar, das authentische Judentum zu repräsentieren. Allerdings bin ich mir nicht so sicher, ob das authentische Judentum etwas mit interner Kontrolle zu tun hat. So gibt es bei Satmar zum Beispiel die berühmten "Watchdogs" welche ihre Bespitzelungen nachgehen. Erwischen sie jemanden bei Vergehen, drohen sie demjenigen zuerst, alles dem Rebben zu sagen. Wenn sich der Ertappte nicht bessert, folgen weitere Bedrohungen was bis hin zur Rufmordkampagne gehen kann.
Ein Satmarer Chassid besucht seinen Rebben regelmäßig. Derzeit haben die Satmarer 150.000 Mitglieder und da ist es nicht so einfach, sich in eine Warteschlange zu stellen. Also kommt man auf die Warteliste. Die Chassidim jedoch gehen bei allen Privatangelegenheiten den Rebben aufsuchen, um ihn um Rat zu fragen: "Soll ich die neue Wohnung nehmen oder nicht ?" – zum Beispiel.
Die Chassidut Satmar legt hohen Wert auf das Familienleben. Sexuelle Befriedigung wird als Ausgleich zu sündhaften Gedanken angesehen. Außerdem spielen mystische Gründe eine Rolle für ausgewogenen Sex. In eine gute Familie hineinzuheiraten ist das höchste Ziel der jungen Leute. Alles dreht sich um den Status und der soll erhalten oder besser, ausgebaut werden. Wer hätte das gedacht ? Der Ehegatte ist verpflichtet, im Haushalt mitzuhelfen und beide Ehepartner sind für den Lebensunterhalt verantwortlich. Kinder haben ihren Eltern Respekt zu verleihen. Und die Verwandten sind ebenso zur tatkräftigen Hilfe bei Familienproblemen aufgerufen. Das ideale Hochzeitsalter liegt bei 18 Jahren. Wenn es zu einem Schidduch (eventuelle zukünftige Ehepartner werden miteinander bekannt gemacht) kommt, dann treffen sich beide Kandidaten im Hause des der jungen Frau. Beiden Kandidaten ist es erlaubt, in Anwesenheit der Elternteile miteinander zu reden. Im Falle einer Zusage, organisieren die Eltern der Braut die Verlobungsparty, zu welcher nur Verwandte, enge Freunde sowie mehrere prominente Satmarer eingeladen werden. Der zukünftige Bräutigam halt eine Thorarede, die traditionell mit dem Singen von Lieder unterbrochen wird.
In chassidischen Kreisen ist es üblich, schon bei der Verlobung ein offizielles Dokument zu unterschreiben, welches beide Seiten verpflichtet. Auch in der Chassidut Satmar ist dies der Fall. Nach der Unterschrift unter das Dokument wird ein Teller zerbrochen und es werden Erfrischungen gereicht. Hierbei befinden sich Männer und Frauen in separaten Räumen. Bei Satmar und anderen strengen chassidischen Gruppen ist es keine Seltenheit, dass Männer und Frauen in getrennten Zimmern sitzen. Dies gilt immer dann, sobald Gäste anwesend sind. Innerhalb der Familienmitglieder besteht diese Regelung normalerweise nicht. Laut Israel Rubin wird die Verlobungsparty immer weniger praktiziert und stattdessen schütteln sich die Väter des Paares zum Zeichen des Abkommens die Hände. Nach einigen Monaten findet dann die Hochzeit statt. Da im Judentum die Familienreinheitsgesetze (Taharat HaMischpacha) eine wichtige Rolle einnehmen, darf die Braut zum Zeitpunkt der Hochzeit nicht ihre Menstruation haben. Normalerweise wird bei jeder Hochzeit ausgerechnet, wann die Braut nicht im Niddah – Zustand (Menstruation) ist. Bei Satmar finden die Hochzeiten frühestens 12 Tage nach Beginn der Menstruation der Frau statt. Dann nämlich befindet sie sich wieder in einem Zustand der Reinheit (nach der Mikweh – dem Ritualbad).
Wie bei anderen chassidischen Gruppen auch, findet die Satmarer Hochzeit in zwei getrennten Sälen statt; Männer und Frauen getrennt. Der Bräutigam trägt einen langen Kaftan und zum ersten Mal seinen Streimel (die traditionelle Pelzmütze). In anderen chassidischen Gruppen trägt der Bräutigam manchmal die gesamte Woche vor der Hochzeit seinen neuen Streimel. Wenn es unter die Chuppah, den Hochzeitsbaldachin geht, zieht sich der Bräutigam einen weissen Kittel über. Weiß ist immer die Farbe der "Reinheit".
Der traditionelle Streimel
Des Weiteren gibt es auf jeder chassidischen Hochzeit einen Mitzwe – Tanz des Rebben mit der Braut. Der Braut werden dabei die Augen verbunden bzw. ihr Gesicht wird aus Anstandgründen verdeckt, da sie sich auf der Männerseite des Hochzeitssaales befindet. Nicht die Frau ist der Grund, sondern den Männern soll aus Anstandsgründen der Blick versperrt werden, damit sie auf keine dummen Gedanken kommen. Nach dem Mitzwe – Tanz des jeweiligen Rebben, der um die Braut herumtanzt, ist die Hochzeit vorbei. In der Vergangenheit war der frischgebackene Ehemann gezwungen, sich gleich nach der Hochzeit um einen Job zu bemühen. Doch dann änderte Rebbe Yoel die internen Gesetze und demnach muß der neue Gatte erst einmal 1 – 2 zwei Jahre im Kollel Thora lernen.
Auch in der Kindererziehung geht es bei den Satmarer Chassidim etwas anders zu. Kinder, selbst die verheirateten, sind zum Respekt den Eltern gegenüber verpflichtet. Jungen und Mädchen werden schon früh auf ihre spätere Rollen vorbereitet. Hierbei sollen die Mädels selbstverständlich im Haushalt helfen und das Stricken oder Nähen erlernen. Jungen hingegen sollen Thora lernen. So ist zumindest der Idealzustand.
Die Satmarer Chassidim verweigern jegliche Autopsien, da sie in ihnen einen Verstoß sehen. Wenn der Meschiach kommt, gibt es eine Wiederauferstehung der Toten und wie schaut das aus, wenn da alles aufgeschnittene Leute herumlaufen. Zu dem Thema gibt es unterschiedliche Ansichten und selbst im Talmud heißt es, dass ehemalige kranke Menschen zu der Zeit geheilt werden. Aber das Verfahren ist Satmarer Politik und als Außenstehender kann man da gar nichts ändern. Was bei Satmar noch anders ist, ist, das eine Leiche nicht nur rituell gewaschen, sondern ebenso in die Mikweh (Ritualbad) eingetaucht wird.
Die Satmarer sind bekannt für ihren unermüdlichen Kampf gegen die Mädchenschule Beit Yaakov, auf welche meistens die Mädchen der Agudat Israel (z.B. litvische Haredim) gehen. Außerdem erscheint ihnen das Beit Yaakov viel zu modern und der Chatam Sofer, dem die Satmarer folgen, verbot alle neuen Innovationen. Stattdessen gehen die Satmarer Mädels auf die eigene "Beit Rachel – Schule". Heutzutage werden die Mädchen jedoch auch in säkuleren Fächern wie das Bankwesen, die Börse sowie in Informatik unterrichtet. Bei Satmar ist man ausgesprochen stolz auf das eigens gegründete Schulwesen, wodurch unzählige neue Jobs entstanden sind.
Das Hauptzentrum der Chassidut Satmar befindet sich in New York. Ungefähr 50km außerhalb New Yorks erbaute Rebbe Yoel Teitelbaum sein "Kiryat Yoel". Kiryat Yoel wurde im Jahre 1976 nahe Monroe in Orange County erbaut. Es handelt sich um ein eigenes Satmar - Dorf auf 340 Hektar Land. Im Jahre 1990 gab es dort 8000 Bewohner.
Kiryat Yoel
Nach dem Tode von Rebbe Yoelisch (Aug. 1979) übernahm sein Neffe, Rebbe Moshe Teitelbaum den Job als Satmarer Rebbe, welchen er bis zu seinem Tode, im April 2006 innehielt. Rebbe Moshe Teitelbaum war ein Auschwitz – Überlebender, dessen erste Frau Leah in Auschwitz umkam. In späteren Jahre heiratete er ein zweites Mal und nach seinem Tode (im April 2006) hinterließ er drei Söhne und vier Töchter. Sein ältester Sohn, Rebbe Aharon Teitelbaum (geboren im Jahre 1948), ist mit der Tochter des Vishnitzer Rebben aus Bnei Brak (nahe Tel Aviv), Rebbe Moshe Yehoshua Hager, verheiratet.
Einer der derzeitigen Satmarer Rebben, Rabbi Aharon Teitelbaum
Seit dem Tode von Rebbe Moshe streiten zwei seiner Söhne um die Rebbe – Nachfolge. Militant und es wurde sogar vor ein nichtjüdisches Gericht gezogen. Derzeit ist es so, dass Rebbe Aharon Teitelbaum seinen Sitz in Kiryat Yoel aufschlug und sein Bruder, Rebbe Zalman Leib Teitelbaum, den Williamsburgher Teil von Satmar übernahm.
Der zweite Satmarer Rebbe, Rabbi Zalman Leib Teitelbaum
In Israel befindet sich das Zentrum von Rebbe Zalman Leib in Mea Shearim, in der Yoel Street. Die Zentren des Rebben Aharon Teitelbaum liegen in Bnei Brak sowie im Jerusalemer Stadtteil Ge'ulah, in der Yonah Street. Somit gibt es in Satmar zwei Rebben mit ihren jeweiligen Anhängern. Leider ist die Gruppe in zwei Teile gespalten, die sich selbständig verwalten.
Tausend weitere Dinge gibt es noch über Satmar zu berichten, aber ich habe mich vorerst auf diesen Artikel beschränkt, um einmal einen kleinen Einblick zu geben. Nicht alle Fakten sind vom Autor Israel Rubin, sondern ich habe nach eigenem Wissen einiges hinzugefügt.
Sonntag, 25. Mai 2008
Neues von der Chassidut Gur
In der Woche nach Schavuot (Wochenfest) steht bei der Chassidut Gur eine riesige Hochzeit an. Der Enkel des Rebben Yaakov Aryeh Alter wird unter die Chuppah (Hochzeitsbaldachin) treten.
Bei Gur ist es üblich, selbst die Familie des Rebben innerhalb der eigenen Gruppe zu verheiraten und es ist keinesfalls wie bei anderen chassidischen Gruppen, wo die Kinder bzw. Enkel mit Partnern aus anderweitigen chassidischen Gruppen verheiratet werden.

Der derzeitige Gerer Rebbe, Rabbi Yaakov Aryeh Alter
Des Weiteren gibt es bei der Chassidut Gur die Tradition, am Lag Ba'Omer nicht nach Meron zu fahren. Stattdessen wurde gross in Bnei Brak gefeiert; incl. einer Se'udah (Festtagsschmaus).
Ich habe vor, noch mehr über die anstehenden Hochzeit herauszufinden und wenn ich es schaffe, werde ich sogar hingehen.
Se'udat Shlishit
Seltsamerweise nimmt auch das Essen in der Chassidut einen breiten Raum ein. Aber was heißt da "seltsamerweise", denn immerhin hat ist die Chassidut sehr mit der Kabbalah verknüpft und gerade dort spielt das Essen eine immense Rolle. Anhand des Essens unternimmt jeder Jude diverse "Tikunim - Seelenreparaturen". Wie das ?
Der Arizal, Rabbi Yitzchak Luria, beschreibt in seinem Buch "Shaar HaGilgulim", wie es geschehen kann, dass Seelen in Tieren reinkarniert werden können. Anhand der Segen, welche wir vor und nach dem Essen sagen, sind wir in der Lage, diese Seelen aus ihrer Lage zu befreien und ihnen so zu einem höheren Level (ihres Tikun - Reparatur) zu verhelfen.
Aber um solche hoch kabbalistische Theorien geht es in diesem Artikel eigentlich nicht. Vielmehr ist mein Thema das "Se'udat Shlishit - Die traditionelle dritte Mahlzeit am Schabbat".
Die erste Mahlzeit nehmen wir nach dem Kiddusch (Segnung des Weines) am Erev Schabbat (Freitag abend) zu uns. Die zweite folgt nach dem Synagogengang am Schabbat (Mittagessen am Samstag) und die dritte Mahlzeit erfolgt kurz vor Schabbatausklang. Oder in präziseren Worten ausgedrückt: Das Se'udat Shlishit wird zwischen Mincha (Nachmittagsgebet) und dem Maariv (Abendgebet) gegessen.
Viele chassidische Rebben und auch die Rebbitzens nehmen die dritte Schabbatmahlzeit (Se'udat Shlishit) zusammen mit ihren Anhängern ein. Zum Beispiel veranstaltet die chassidische Gruppe Dushinsky in Jerusalem solch ein gemeinsames Essen. Ob dazu Frauen zugelassen sind, habe ich noch nicht getestet. Dafür erzählte mir jemand, dass die Rebbitzen des Toldot Aharon Rebben ein Se'udat Shlishit für die Toldot Aharon - Frauen gibt. Gerne würde ich einmal daran teilnehmen, habe mich jedoch noch nicht eingehend erkundigt. Was ich zu meiner Schande eingestehen muß.
Natürlich spielen bei dem Essen mit dem Rebben auch wieder die "Schirayim" eine überwiegende Rolle. Der Rebbe sagt den Segen über das Brot und verteilt dann kleine Stückchen an seine Chassidim. Und genau hier kommen wir wieder zum großen Kabbalisten Rabbi Yitzchak Luria und seiner Theorie in der Lurianischen Kabbalah zurück, dass ausgerechnet der Rebbe als Zaddik (Gerechter) die Kraft besitzt, solche reinkarnierten Seelen zu befreien bzw. die bei der Erschaffung der Welt herabgefallenen Netzizot (Funken) anhand seines Segens an ihren Ursprung zurückzuführen.
Begleitet wird das Se'udat Shlishit von verschiedenen Niggunim (Melodien und Liedern). Die Musik spielt in der Chassidut eine ebenso wichtige Rolle, denn durch sie erreicht man eine direkte Verbindung zu G - tt. Und auch aus diesem Grund singen viele Religiöse ihre Tehillim (Psalmen) oder Gebete. Des Weiteren ist bei in vielen chassidischen Gruppen üblich, dass die Chassidim den Psalm 23 vortragen und der Rebbe antwortet mit Psalm 21.
Ebenso besteht im Judentum das Konzept, dass ein Jude am Schabbat eine zusätzliche Seele bekommt und diese am Mozzaei Schabbat (Schabbatausklang) den Körper wieder verläßt. Durch das Verlassen geht uns eine gehörige Portion spirituelle Kraft verloren und wir müssen bis zum nächsten Schabbat warten, dass wir sie zurückerhalten.
Die Mischna (mündl. Gesetzesüberlieferung G - ttes an Moshe auf dem Berg Sinai) sowie die anschließende Gemara (rabbinische Diskussionen) lehren uns im Talmud Traktat Schabbat 117b, dass wir am Schabbat mindestens drei Mahlzeien zu uns nehmen müssen (siehe oben). In Schabbat 118a heißt es, dass jeder, der die Mitzwah, drei Mahlzeiten am Schabbat zu essen erfüllt, wird von drei Katastrophen verschont:
1. Von den Repressalien, welche dem Kommen des Meschiach vorausgehen.
2. Vom Gericht im Gehinnom (vom strengen Gericht der Seele).
3. Vom Krieg zwischen Gog und Magog (Yechezkiel 38 - 39).
In Jerusalem hat das Se'udat Shlishit immer eine ganz besondere Bedeutung für mich. Meistens gehe ich zu Rabbi Mordechai Machlis, wo wir mit mindestens zwanzig weiteren Teilnehmern samt seiner Family zusammensitzen. Serviert werden die Reste des Mittagessen, aber genauso frisch zubereitete Leckereien. Außerdem hält der Rabbi eine Rede und es werden ebenso Lieder gesungen. Im Anschluß findet das Maariv (Abendgebet) statt und danach die Havdalah (Trennungszeremonie des Schabbats von der neu beginnenden Woche).
Auf dem Heimweg herrscht eine komische Stimmung. Da ist man noch in der Schabbatkleidung und innerlich im Schabbat versunken; andererseits kehrt jedoch schon wieder der Alltag ein und die Geschäfte öffenen und der Busverkehr beginnt.
Mittwoch, 21. Mai 2008
Macht tatsächlich jeder mit ?
Da scheint aber jemand ernsthaft daran interessiert sein, dass der Bann auf den "Schefa - Markt" eingehalten wird. Neue Fakshivilim (Mitteilungsposter) wurden in Mea Shearim aufgehängt. Gewöhnlich tragen die Poster die Namen der Herausgeber, z.B., der anti - zionistischen Dachorganisation "Edah HaCharedit" oder der "Neturei Karta". Manchmal sogar läßt ein gewisses "Kommittee zur Reinheit" Mitteilungen aushängen. Doch die letzten Poster über den "Schefa - Markt" Bann sind mit keiner Quelle versehen.
"Auch ich habe mich entschlossen, nicht mehr bei "Schefa" zu kaufen und nicht mit einem EGGED - Bus nach Meron (1) zu fahren".
So der Inhalt des letzten Posters. Jedoch ohne jegliche Unterschrift.
Der Bann über den "Schefa - Markt" ist bestens bekannt, doch dass nun ebenso ein Bann auf den EGGED - Bussen liegt, ist mir neu. Die Herausgeber des Posters behaupten, dass die Besitzer des "Schefa - Marktes" - die Dor - Alon - Gruppe, sowohl als auch das israelische Busunternehmen EGGED den Schabbat brechen und deshalb Bestrafung verdienen.
Und welche Haredim (Ultra - Orthod.) will das Poster erreichen ?
Die chassidischen Gruppen Gur oder Belz ? Litvische Haredim ?
Definitiv nicht die Mitglieder der anti - zionistischen Dachorganisation "Edah HaCharedit", denn diese kaufen eh weder im "Schefa" ein noch benutzen sie EGGED - Busse. Gruppen wie Satmar, Toldot Aharon oder Dushinsky, zum Beispiel.
An wen sind die Poster also adressiert ? Und hält sich wirklich jeder an den Bann ?
Nur allzu gerne würde mich die haredische Meinung interessieren. Andererseits, was geschieht, falls sich jemand von ihnen entschliesst, sich nicht an dem Bann zu beteiligen und ihn ein anderes Gruppenmitglied in den "Schefa Markt" gehen sieht ?
Dies sind immer die Momente, in denen ich froh bin, kein Mitglied irgendeiner chassidischen Gruppe zu sein.
(1) Meron:
In dieser Woche reisen Abertausende religiöser Juden zum Lag Ba'Omer in den nordisraelischen Ort Meron. Der Beginn des Lag Ba'Omer ist diesen Donnerstag abend. Der Tag symbolisiert das Ende der Seuche, welche 24.000 Schüler des Rabbi Akiva dahinraffte. Genauso ist Lag Ba'Omer die Yahrzeit (Todestag) des großen Rabbi Schimon Bar Yochai. Und Rabbi Schimon ist in Meron beerdigt. Gerade unter Chassidim ist es Brauch, am Lag Ba'Omer nach Meron zu fahren.
Dienstag, 13. Mai 2008
Question & Answer With Miriam Woelke
Guest Post bei Simple Jew
http://asimplejew.blogspot.com/2008/05/question-answer-with-miriam-woelke.html
All jene, die des Englischen mächtig sind, sind eingeladen, mein Guest Post bei dem Breslover Chassid und Blogger "Simple Jew" zu lesen.
Montag, 28. April 2008
Der siebte Tag von Pessach
Vielen dürfte durchaus bekannt sein, dass die Israeliten und Moshe am siebten Tage von Pessach das Rote Meer durchquerten. Und in diesem Jahr fiel der siebte Pessachtag auch noch auf einen Schabbat, was dem ganzen eine noch höhere Keduscha (Heiligkeit) und Spiritualität vermittelte.
Nach dem Schabbatmahl am Freitag abend (Erev Schabbat) machten sich meine Freundin und ich zum chassidischen Tisch der Toldot Avraham Yitzchak in Mea Shearim auf. Im Erdgeschoß liegenden Männerbereich war es wieder einmal voll, nur oben bei den Frauen waren noch freie Plätze zu haben. Wir fanden zwei tolle Sitzplätze mit bester Aussicht hinter der gläsernen Mechitzah (Trennwand zum Männerbereich). Ganz langsam füllte sich auch die Frauenempore, denn es war ja Schabbat und Feiertag zugleich.
Rebbe Shmuel Yaakov Kahn war in bester spiritueller Stimmung und ermutigte unermüdlich seine Chassidim, mit in die Gesänge einzustimmen. Der Rebbe liebt es zu singen und nach der Melodie auf und ab zu wippen. Irgendwie jedoch mußte er am Freitag abend die Chassidim erst aus einem Tiefschlaf holen, ehe sie mit einstimmten. Allerdings gelingt es ihm am Ende immer wieder alle aufzuwecken und zu begeistern.
Wir blieben jedoch nicht allzu lange und die Avraham Yitzchak vorzeitig zu verlassen, tut mir jedesmal weh, denn ich liebe ihren Tisch des Rebben. Nichtsdestotrotz wollten wir zu den Toldot Aharon weiter, denn dort sollte ein außergewöhnliches Schauspiel stattfinden. Ich hatte im Buch "The Haredim" von Amnon Levy gelesen, dass die Chassidim der Toldot Aharon am siebten Tage von Pessach ihre Synagoge voll Wasser schütten, um so den Auszug aus Ägypten darzustellen. Rebbe David Kahn sollte im Wasser tanzen und, wie im Chassidismus üblich, anhand seiner Ekstase in höhere spirituelle Welten aufsteigen.
Ich wollte bei den Toldot Aharon Mitglieder befragen und herausfinden, wann genau diese Zeremonie beginnt.
Aber auch dort war der Männerbereich hoffnungslos überfüllt. Von der Frauenempore ganz zu schweigen, denn dort gab es kaum noch einen Stehplatz hinter der Mechitzah. Hunderte von Frauen samt Kinderschar hatten sich schon auf den Metalltribünen plaziert, aber am Ende fanden wir doch noch Stehplätze, von denen wir alles beobachten konnten.
Es war recht ungewöhnlich, dass Rebbe David Kahn den Tisch so spät, erst gegen Mitternacht, begann. Irgendwann nach seinem Kiddusch (Segnung des Weines) sahen wir so gut wie gar nichts mehr und setzten uns erst einmal auf ein Hinterbänkchen. Dort befragte ich dann eine der Toldot Aharon – Frauen nach dem Brauch mit dem Wasser und wann es denn soweit sei. Und so erwies es sich wieder einmal mehr, keinen 100%igen Glauben an anderer Leute Bücher zu verschwenden. Der angebliche Brauch mit dem Wasserverschütten erwies sich glatt als unwahr. Ja, der Rebbe würde heute Nacht alleine tanzen, aber nicht durch Wasser, sondern ganz normal halt. Gegen 3.00 Uhr nachts täten sich die Chassidim im Kreis aufstellen und der Rebbe würde alleine tanzen. Deswegen sei der Tisch auch so übervoll, denn alle wollen diesem Schauspiel beiwohnen. Und es geschehe nur zweimal im Jahr, dass der Rebbe alleine tanze: am siebten Tage von Pessach und an Simchat Thora.
Auf meine Frage hin, wie denn die Frauen bei dem Massenansturm überhaupt erfolgreich etwas sehen sollen, erwiderte die Frau, dass es nun einmal so sei wie in den zwei ehemaligen Tempeln in Jerusalem. Aus dem Talmud erfahren wir, dass es zu Zeiten des Zweiten Tempels niemals Platzmangel zu vermelden gab. Und waren auch Abertausende Juden zum Gebet anwesend, jeder einzelne fand genug Platz zum Gebet. Und so sei es halt auch wenn der Rebbe der Toldot Aharon tanze.
Dennoch waren wir zu müde, um noch weitere zwei Stunden auf den großen Augenblick zu warten und beschlossen, heimzugehen. Ziemlich schade, denn nun müssen wir in volles Jahr auf die nächste Show warten, denn an Simchat Thora werden in die Synagoge nur Gruppenmitglieder eingelassen. Aus Platzmangel übrigens, womit wir wieder beim Thema "Tempel – Beit HaMikdasch" wären. Da an Simchat Thora nur Toldot Aharon Mitglieder in die Synagoge gelassen werden, erinnert also doch noch nicht alles an die Tempelzeiten. Es geht als nichts über die Heiligkeit des wirklichen Tempels auf dem Tempelberg.
Dienstag, 22. April 2008
Chassidische Pessachbräuche
Obwohl ich äußerlich bestimmt nicht unbedingt chassidisch auftrete, zähle ich mich dennoch zur Zunft und halte somit viele unterschiedliche chassidische Pessachbräuche.
Einer der wichtigsten dieser Bräuche ist der Verzicht auf Gebrochts an Pessach. Jegliche Brösel von Mazzot dürfen auf keinen Fall mit einer Flüssigkeit in Berührung kommen, denn so besteht die Gefahr, Chametz (verbotene Getreidewaren an Pessach) zu erzeugen.
Laut der Halacha werden die traditionellen Mazzot zwar aus Mehl und Wasser gebacken; gären jedoch nicht mehr als 18 Minuten zusammen. Und falls besagte Brösel in Flüssigkeiten fallen täten, dann besteht eindeutig die Gefahr, diese 18 Minuten zu überschreiten und demnach Chametz zu erzeugen.
Chassidim nehmen diesen Brauch furchtbar ernst und bei Chabad wird aus diesem Grund jegliche Mazza aus einer Plastiktüte heraus verspeist. Nur keine Brösel auf den Boden fallen lassen.
Dieser Brauch wird übrigens von sämtlichen chassidischen Gruppen eingehalten.
Bei Chabad sowie Belz ist es weiterhin Brauch, den Wasserhahn mit einem kleinen Tuch zu umwickeln, um so das herausfliessende Wasser zu sieben. Bei Chabad heisst es hierzu, dass einer ihrer Rebben einmal Mehl in der Wasserleitung fand oder zumindest, dass plötzlich das Wasser nicht mehr "chametzrein" war. Bei Belz herrscht der gleiche Brauch und andere chassidische Gruppen halten vereinzelt diesen Brauch genauso ein.
Chassidut Toldot Aharon
Die chassidische Gruppe Toldot Aharon hat einen einzigartigen Brauch am 7. Tag von Pessach.
Die Chassidim versammeln sich zusammen mit ihrem Rebben, Rabbi David Kahn, in der Beit Midrash und der Rebbe in der Mitte von ihnen in solch einer Ekstase, dass es heisst, dass seine Seele (Neshama) sofort zu G - tt hinaufsteigt. Währenddessen umringen ihn seine Chassidim und klatschen in die Hände.
In der Chassidut heisst es, dass wenn die Seele des Rebben sich mit G - tt verbindet, automatisch auch die Seelen der Chassidim aufsteigen.
Zuvor berichtete ich von dem Brauch, auch Wasser in der Beit Midrasch der Toldot Aharon auszuschütten, um so den Auszug der Israeliten aus Ägypten besser darstellen zu können.
Wie mir jedoch eine Toldot Aharon - Frau am letzten Schabbat berichtete, gibt es den Brauch mit dem Wasser NICHT !!!!
Der Rebbe tanzt lediglich allein in der Mitte seiner Chassidim !!!!
Dieses tut er zweimal pro Jahr: Am siebten Tage von Pessach und an Simchat Thora.
Donnerstag, 3. April 2008
Spiritualität in der Mikweh
Eine der zentralen Rollen im Judentum wird manchmal leicht übersehen; nämlich der Mikwehgang - der Gang ins Ritualbad. Frauen benutzen sie in der Regel zum ersten Mal am Abend vor ihrer Hochzeit und danach als verheiratete Frau natürlich regelmässig. Es besteht die Halacha, dass eine jüdische verheiratete Frau nach dem Ende jeder monatlichen Regel in die Mikweh gehen muß. Hierfür gibt es genaue Gesetze wie, z.B., wann genau sie nach der Regel als zulässig für die Mikweh gilt oder wieviel Tage zwischen dem Beginn und Ende der Regel mindestens vergangen sein müssen. Darüber hinaus geht sie nach jeder Geburt (auch hier gibt es eine vorgeschriebene Anzahl von Tagen) in die Mikweh. Ein relig. Mann geht in der Regel jeden Freitag vor dem Schabbatbeginn in die Mikweh. Hinzu kommen ebenso die Feiertage.
Eines aber übersehen viele, die sich zum Thema "Mikweh" informieren. Das Ritualbad dient nicht nur der körperlichen, sondern ebenso der spirituellen Reinigung. Der große Kabbalist, Rabbi Yitzchak Luria (1534 - 1572) sah eine hohe mystische Bedeutung in der Mikweh. Genauso wie in der Kabbalah, massen später der Baal Shem Tov und seine chassidischen Anhänger bzw. Nachfolger der Mikweh allerhöchste spirituelle Bedeutung bei. Und so kommt es, dass chassidische Männer bis heute täglich in die Mikweh gehen. In der Regel geschieht dies am frühen Morgen.
Litvische Juden lieben es, sich über den täglichen Mikwehgang der Chassidim entweder zu beschweren oder einfach nur lustig zu machen. Das ganze Mikwehgerenne sei ja viel zu übertrieben. Chassidim hingegen betrachten es als eine absolute Notwendigkeit, nicht nur den Körper, sondern auch die Seele zu reinigen und mit der richtigen Kavanah (Konzentration) in der Mikweh sei dies allemal möglich. In der Chassidut heißt es, dass, z.B., der Baal Shem seine Weisheiten in der Mikweh erlangte. Durch Gebet und Kavanah stieg er zu höheren Leveln auf.
Gewöhnlich hegen die Chassidim ihre gruppeneigenen Bräuche in der Mikweh - so auch, wieviele Male man untertauchen muß. Bei der Chassidut Breslov ist es so, dass selbst die Frauen siebenmal untertauchen. Jedes Untertauchen wird als ein höherer Level gesehen, bei dem man völlig vom Wasser umgeben ist und so G - tt nahe kommt. Andere chassidische Gruppen hingegen folgen dem Brauch, mindestens dreimal unterzutauchen.
Unter chassidischen Rebbes sowie Kabbalisten ist es nichts Ungewöhnliches, die größte individuelle Kavanah (Konzentration) dadurch zu erreichen, indem sie sich auf die Namen G - ttes konzentrieren und völlig in die Meditation eintauchen.
Sonntag, 17. Februar 2008
Kein Geld - Keine Hochzeit
Es ist nicht Außergewöhnliches:
Wer in relig. Kreisen heiraten will, der braucht Geld.
Ein Schidduch (Match) kostet Geld. Hat sich ein Paar gefunden, dann diskutieren die Eltern, wer welchen Anteil bezahlt. Die Eltern der Braut zahlen fast immer drauf. Vor allem dann, wenn der Zukünftige ein guter Yeshiva - Student ist. Für so jemanden müssen die Brauteltern tief in die Tasche greifen.
In nationalrelig. Kreisen werden meistens die Kosten geteilt. Schon allein die Hochzeitskosten sind enorm, denn ist es doch allzu üblich, mehrere Hundert Gäste in ein Hotel oder dergleichen zum Essen einzuladen. Von daher verschulden sich schon viele im Vorfeld bei der Hochzeit. Folgen tun der Haushalt, die Wohnung, etc. Wer zahlt was und wieviel ? Und außer Glück und Freude gibt es nicht selten Frustrationen.
Wer in haredischen Kreisen nicht mithalten kann, der bekommt auch keinen guten Ehepartner angeboten. Wer kein Geld hat, der muß halt schauen, was auf dem Heiratsmarkt übrig bleibt. Kein Elternteil würde jemals zustimmen, alle Kosten allein zu übernehmen und nicht wenige Partnerschaften scheitern am Geld. Dann sucht man halt jemanden anderen für sein Kind, denn am Hungertuch will keiner nagen.
Am brutalsten ist mir dieses Vorgehen bei der extremen chassidischen Gruppe Toldot Aharon aufgefallen. Wer hier nicht mithalten kann, geht leer aus. Viele Eltern sind hoffnungslos überschuldet, aber ein guter Schidduch für ihre Kinder ist ihnen wichtiger. Normalerweise wird immer vermutet, dass die Braut fast alles zahlt, doch bei den Toldot Aharon ist es umgekehrt. Allein für die Braut muß der Bräutigam ca. 30.000 Shekel (6000 Euro) an die Eltern hinblättern. Einfach so und nichts ist eingeschlossen. Noch keine Hochzeit, noch kein Haushalt, nichts. Ganz zu schweigen, von den Ringen, die der Zukünftige der Braut kaufen sollte. Die jungvermählten Toldot Aharon - Mädels lieben es, mit ihren neuen Ringen oder Armbanduhren von ihren Freundinnen anzugeben, und selbstverständlich will keine ohne zwei neue glänzende Ringe dastehen.
Aber nicht nur Geld spielt eine Rolle. Auch das Elternhaus und die Bildung sind enorm wichtig. Kinder von Rabbinern heiraten ausschließlich andere Rabbinerkinder. Besonders innerhalb der chassidischen Gruppen ist dies Brauch. Der Ruf spielt eine immense Rolle. Wie lernt ein junger Mann in der Yeshiva und ist er begabt ? Ist das Mädchen eine gute Hausfrau und zieht sie sich anständig an ? Sind die Eltern anständig ? Und was bei vielen chassidischen Gruppen ganz wichtig ist: Der DNA - Test. Erbkrankheiten will niemand in seiner neu gegründeten Familie haben und Familien mit genetischen Schäden finden nur gleichwertige Ehepartner.
Fast jeden Schabbat bewundere ich aufs Neue die Frischvermählten und male mir unbewußt aus, wieviel das wieder alles gekostet hat und ob es die Sache wert ist. Ich hoffe aufs Positive, doch für mich käme solch ein Investmentdenken nicht in Frage. Natürlich habe ich meine Grenzen, wen ich heiraten würde und wen nicht. Keinen Dummy, Nichtjuden, Ausländer und keinen, der von der Religion keine Ahnung hat bzw. sekulär ist. Aber der Finanzaspekt würde mich stören. Anscheinend jedoch kommt dennoch niemand um gewisse Ermessensweisen herum. Hoffen wir nur, dass am Ende alle glücklich sind.
Dienstag, 29. Januar 2008
Das Essen des Rebben
Mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt, aber ich muß zugeben, dass es mir am Anfang recht schwer fiel, den genauen Sinn zu verstehen.
Wer an einem chassidischen Tisch am Schabbat teilnimmt, der wird in den meisten Fällen Zeuge folgender Szene:
Der Rebbe kommt herein und mehrere Hundert Chassidim (bei kleineren Gruppen natürlich weniger) warten auf ihn. Sie stehen bzw. sitzen an den Seiten des sich in der Mitte befindenden unendlich langen Tisches. Der Rebbe nimmt am Ende des Tisches Platz und beginnt zu beten und macht dann Kiddush (Segnung des Weines vor dem Schabbatmahl).
Nach dem Kiddush folgt die Segnung der Challot (Schabbatbrote) und danach folgt in der Regel ein Mahl. Nicht bei jeder chassidischen Gruppen (Dushinsky, Karlin - Stolin oder den Slonim) wird gegessen, aber bei vielen schon (Belz, Toldot Aharon, Avraham Yitzchak, Kretchnif, etc.).
Gewöhnlich ißt der Rebbe einige Häppchen von allem Aufgetischten, gibt jedoch den Rest an seine umstehenden Chassidim weiter. Zum Beispiel wird der Reis in kleine Plastikschälchen aufgeteilt und durch die Reihen gereicht. Jeder nimmt sich dann ein paar Reiskörner.
Zuerst war ich der Überzeugung, dass sollte ich dort unten stehen, ich nichts von dem Reis etc. nehmen würde. Da grabbelt ja jeder mit seinen Händen darin herum und wie wichtig kann der Brauch schon sein.
Seitdem ich das Buch des Holländers Daniel Meijers "Ascetic Hasidism in Jerusalem" las, haben sich mir völlig neue Welten eröffnet. Endlich habe ich verstanden, warum den Chassidim das Essen des Rebben so wichtig ist und sie sich auf jeden noch so kleinen Bissen stürzen.
Bevor der Rebbe mit dem Essen beginnt, spricht er einen Segen darüber aus, in welchem G - tt gedankt wird, dass Essen erschaffen zu haben. Wenn der Rebbe nun Teile seines Mahles an die Chassidim weiterreicht, wird der hohe Segen des Rebben an seine Chassidim durch das Essen weitergeleitet.
Der Rebbe ist in der Chassidut nicht wegzudenken und eine chassidische Gruppe ohne Rebben (Breslov oder Chabad) ist fast immer ein Desaster. Letztendlich unterteilt sich die Gruppe in mehrere Strömungen, da niemand die Richtung bestimmt.
Die Chassidim sehen den Rebben als Respektperson und ebenso als Zaddik (Gerechter). Durch seine spezielle Frömmigkeit ist er G - tt näher und wer dem Rebben nahe ist, der ist automatisch auch G - tt nahe.
Dieses ist ein altes Konzept, welches insbesondere vom Chozeh (Seher) von Lublin, Rabbi Yaakov Yitzchak Horowitz (1745 - 1815), vertreten wurde. Seine Konkurrenz, die Peschis'cha - Schule mit Rabbi Yaakov Yitzchak Rabinovicz (1766-1813), hält dagegen, daß auch ein Rebbe bzw. der Zaddik an sich arbeiten muß, um G - tt nahe zu sein. Allein durch seine Position erreiche er dies nicht.
Der Peshis'cha - Schule entstammen so berühmte Gruppen wie Chassidut Gur. Der derzeitige Rebbe der Chassidut Biale in Jerusalem (Stadtteil Givat Shaul) ist der direkte Nachfahre des Rabbi Yaakov Yitzchak Rabinovicz.
Der Schule des Chozeh von Lublin folgen unter anderem Belz oder Satmar.
