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Donnerstag, 13. August 2009

Immer noch Chassidut ?

B"H

Manchmal mag alles den Eindruck erwecken als bestehe der heutige Chassidismus ausschließlich aus irgendwelchem Gruppengeplänkel innerhalb der chassidischen Gruppen sowie deren Streiterein nach außen hin. Dem ist ganz gewiß nicht so. Aufgrund des Skandales mit der wegen Kindesmisshandlung angeklagten Toldot Aharon Frau und den nach wie vor stattfindenen Demos am Schabbatende gegen die Öffnung des Jerusalemer Karta - Parkhauses am Schabbat, wird nebenher tatsächlich Chassidismus gelernt und gelebt.

Chassidim nehmen im allgemeinen einen wesentlich anderen Bezug auf die jüdische Religion als nationalrelig. oder litvisch - haredische Juden. Bei beiden letzteren Gruppen spielt die Halacha die zentrale Rolle. "Es steht geschrieben … und wir müssen tun !"
Nicht, dass dies in der Chassidut viel anders ist, denn auch dort werden Halachot gelebt und eingehalten. Dass den ganzen Tag in spirituellen Spähren herumgeschwebt wird, ist ein Vorurteil, mit dem der Chassidimus bis heute zu kämpfen hat. Insgeheim jedoch stelle ich mir die Frage, ob die Chassidut innerhalb der Gruppen tatsächlich gelebt wird oder ob alles nicht in zuviel Gruppenzwang und Alltag ausartet. Zum Beispiel lernen die jungen Mädchen in den Schulen ihre weiblichen Pflichten neben Mathe oder Lesen und Schreiben. Doch wo sind die rein chassidischen Inhalte ? Wo die Geschichte des Chassidismus angefangen mit dem Baal Shem Tov und dessen Nachfolger, dem Maggid von Mezritch (Rabbi Dov Baer Friedman) ?
Was schon die kleinen Kinder wissen, sind all die heutigen Mitglieder verschiedener chassidischer Gruppen. Wer mit wem, welche Bräuche und was es Neues gibt. Nicht immer würde ich dies jedoch unter die Rubrik "Klatsch und Tratsch" ablegen !

Bei den Männern ist und war es um einiges positiver. Man sitzt nicht den ganzen Tag da und lernt Chassidismus, sondern Thora und Talmud; die Chassidut erfolgt nebenbei. Thora sowie Talmud auch anhand von chassidischen Inhalten.

Sehe ich mich dem immer noch verbunden ?
Die Antwort darauf lautet eindeutig JA, selbst wenn ich meine Pausen habe. Nicht immer bin ich nur bei der Chassidut ansässig, sondern ebenso in puren Halachot, der Mussar (Ethik), der jüdischen Geschichte ebenso wie der jüdischen Philosophie. Nicht ständig lerne ich puren Chassidismus, sondern weitere jüdische Themen. Je nach Interesse und oftmals bezogen auf Leseranfragen.

Ein englischer Bekannter macht fast täglich seine e - mail Andeutungen, wir beide sollen uns endlich aufraffen und Mitglied einer chassidischen Gruppe werden. Ob wir denn die extremen Toldot Aharon wählen sollten. Im Endeffekt kommen wir zu keinem Ergebnis und verschieben die Entscheidung auf den nächsten Tagen. So geht das schon seit mehreren Monaten und wir wissen nicht, ob wir nach wie vor am Anfang stehen oder letztendlich nicht viel glücklicher mit unserem momentanen Leben sind. Vielleicht lernen wir mehr Chassidut und die Geschichte der Gruppen als so mancher Chassid, doch zeigen wir keine so hohe Frömmigkeit.
Was Chassidim von klein auf in der Schule lernen, ist eine immense Frömmigkeit. Hiermit meine ich jene, die wirklich mit ganzem Herzen dabei sind.

Obwohl mein englischer Bekannter und ich ein großes Wissen an den Tage legen, an der "angeborenen" chassidischen Frömmigkeit hapert es. Und da stelle ich mir schon die Frage, was wichtiger ist: All das Wissen oder am Ende lieber mit dem Herzen handeln ?

Die Antwort darauf kann jeder für sich individuell entscheiden.

Dienstag, 26. Mai 2009

Positive & Negative Berichterstattung

B"H

Wer sich in der chassidischen Blogwelt (eigentlich betrifft dies fast nur englischsprachige Blogs) umschaut, der findet Berichte, die von großen Rebbes oder Chassidim erzählen. Nicht weniger Blogger beschränken sich dabei auf die großartigen Taten, die Keduscha (Heiligkeit), welche die Personen umgibt - kurz gesagt Berichte, die ein perfektes Leben schildern.

Manchmal komme ich mir beim Lesen dieser Blogs wie ein Verräter und dann wieder als Realist vor. Verräter deswegen, weil man vielleicht nur die gute Seite der Chassidut beschreiben sollte. Negatives gibt es eh schon genügend zu lesen und sollten wir nicht zur Abwechselung auch einmal das Positive hervorheben ? Weiterhin sollte man vermeiden, auf allem negativen herumzupicken und nur das zu sehen ?

Realist bin ich wohl eher deswegen, weil ich nicht davonschwebe, sobald ich einen chassidischen Rebbe sehe. Letzten Sommer stand ich nur ganz wenige Meter vom Rebben der Chassidut Nadvorna (Bnei Brak) entfernt und am letzten Freitag abend (Erev Schabbat) als ich mit einer Freundin auf dem Weg zur Synagoge der Chassidut Ruzhin - Boyan war, überholte uns auf der Straße deren Rebbe, der ebenfalls auf dem Weg in die Synagoge war. Und ich fiel nicht vor lauter Ehrfurcht in Ohnmacht.

Einmal aber erwischte es mich fast doch (nicht unbedingt die Ohnmacht, sondern eher ein Gefühl der Keduscha) als ich auf der Straße am Rebben der Kretchnifer Chassidim vorbei ging.
Nichtsdestotrotz bleibe ich auf dem Boden und in meinen Blogs berichte ich genauso über die Schattenseite, die es in jeder Gesellschaft nun einmal gibt. Die haredische (ultra - orthod.) bzw. die chassidische Welt bilden da keine Ausnahmen.

Montag, 20. April 2009

Entscheidungen

B"H

Einige meiner Freunde treiben mich regelmässig auf die Palme, wenn sie entweder nach Entscheidungen schreien oder einmal wieder einen sarkastischen Witz von sich geben.
Ich solle doch endlich einmal in die Gänge kommen und mich entscheiden, was ich will. Die Zukunft warte ja nicht ewig.

Und heute bekam ich erneut eine derartige Bemerkung auf meinen englischen Blog. Jaja, ich könne ja tun und machen was ich wolle, letztendlich aber lande ich doch irgendwann brav und anständig in einer chassidischen Gruppe.

Diese Thematik stellt sich mir persönlich sehr häufig. Seitdem ich zum ersten Mal Chassidut lernte, liess mich das Thema an sich nicht mehr los. Doch ob ich wirklich so leben kann oder will, bleibt mir bis heute, nach zumindest einem Versuch, weiterhin ein Rätsel.

Sonntag, 22. März 2009

"Abhängigkeiten chassidischer Gruppen", Teil 1 - Satmar


Der einstige Satmerer Rebbe Yoel Teitelbaum (verstorben 1979).

B"H

Der Satmarer Rebbe Yoel Teitelbaum überlebte den Holocaust nur, weil sein Name auf der Liste des Kasztner Transportes zu finden war. Zusammen mit ihm wurden 1368 Personen gerettet und in die Schweiz gefahren.

Die überwiegende Mehrheit der chassidischen Bevölkerung Ost - und Zentraleuropas kam im Holocaust ums Leben. Im März 1944 marschierte die Wehrmacht in Ungarn ein. Zu dem Zeitpunkt lebten 450,000 Juden im Land, von denen 70% deportiert und von den Deutschen umgebracht wurden. Drei Millionen Juden (90% der polnischen Juden) kamen im Holocaust ums Leben. Weniger als 300,000 polnische Juden überlebten den Krieg.

Rabbi Teitelbaum erreichte New York im Jahre 1947. Zu der Zeit war er immerhin schon 61 Jahre alt, was jedoch seinem Eifer, eine neue Gemeinde in den USA aufzubauen, nicht bremste. Jene Chassidim, die nach dem Krieg von Europa nach New York kamen, sahen ihr gemeinsames Ziel im Wiederaufbau der chassidischen Welt. Und zwar so, wie es vor dem Zweiten Weltkrieg einmal war. Gab es da eine Zeit der Trauer für die umgekommenen Freunde und Familienmitglieder?

Ganz allmählich wurde neue Gemeinde aufgebaut; einschließlich Mikwaot (Ritualbäder), Synagogen, Yeshivot (relig. Schulen) und sogar die Kleiderordnung wurde geändert. Die osteuropäischen Juden brachten ihre Kaftane sowie ihre eigene Mode mit in die Staaten. Lange Bärte und Schatnez - Institute. Alles wie in der alten Heimat.

Aber die "neue Welt" brachte auch viele neue Herausforderungen mit sich. In New York, zum Beispiel, kann sich niemand der Gesellschaft entziehen und absolut isoliert leben. Man ist gezwungen, mit der Gesellschaft zu gehen und mit anderen, auch Nichtjuden, zu verkehren. Mit säkuleren Juden auskommen wie sich mit staatlich - weltlichen Belangen zu befassen (Arbeitslosigkeit, Gesundheitswesen, Soziales oder Wohnungssuche). Dazu musste die Führungsebene auf einen neuen Level bewegt werden, denn Rebbe Yoel Teitelbaum war fromm und ihm waren weltliche moderne Angelegenheiten teilweise fremd. Hinzu kamen die englische Sprache und eine fremde Mentalität. Deswegen ernannte der Rebbe Rabbi Lipa Friedman, einen früheren Bankdirektor aus der Tschechei zum Gemeindeoberhaupt. Von 1948 - 1972 managte Rabbi Friedman das Satmarer Gericht.

Wie sollten Chassidim einen Job in New York finden ? In einer modernen Welt mit Radio und Fernsehen. Mit Kinos und in einer Welt, in der die englische Sprache dominiert. Die Chassidim waren der neuen Sprache kaum mächtig und besassen selten eine weltliche Bildung. Daher arbeitete die Mehrheit von ihnen als Lehrer in den eigenen Einrichtungen, als Kaschrut - Aufseher (koscheres Essen), als Schneider oder Elektriker. Im Jahre 1966 begann der Satmarer Chassid Irving Goldstein seine Karriere, indem er seinen ersten Photoladen eröffnete. Der Laden wuchs und wuchs und bald wurde Goldstein wohlhabend und gab anderen Chassidim Arbeit und Brot.

Rebbe Teitelbaum und andere Rabbiner um ihn herum widmeten sich dem Thorastudium und Gebet. Bis dahin waren sie nie mit Angelegenheiten wie Jobsuche, dem Organisieren von Krediten und Spenden, Verhandlungen mit der Regierung (Senatoren), etc. konfrontiert worden. Natürlich hatte der Satmarer Rebbe zu diesem Zweck Rabbi Lipman zum Mittelsmann erhoben, doch die finanzielle Unterstützung für eine chassidische Gruppe musste ja von irgendwoher kommen. Nach dem Kriege hatten die Gruppen sämtliche Mittel verloren und waren blank. Im wahrsten Sinne des Wortes.
Eine neue Gemeinde aufzubauen verschlingt Unsummen von Geldern und da die Chassidim selber nicht viel hatten, griff man auf private Spender zurück. Bis heute jedoch meist auf Juden, die auch den Schabbat einhalten und nicht einfach irgendjemanden. Dieses Verfahren schafft natürlich Abhängigkeiten von den reichen Spendern und da fragt man sich automatisch, inwieweit ein wohlhabender Spender die Chassidut selber beeinflussen kann.

Nehmen wir einmal an, da sei ein reicher Geldgeber, der zwar nicht religiös ist, doch aufgrund seiner immensen Spenden eine wichtige Position in der jeweiligen chassidischen Gruppe beansprucht.
Ist dann der Rebbe nach wie vor in der Lage, allein zu bestimmen ? Wer führt in solch einem Falle die Gruppe ? Der Rebbe (und ich rede hier von allen Gruppen und nicht nur allein von Satmar) oder der Geldgeber, der eigentlich gar kein Teil der Gruppe ist ? Ein Rabbiner ist er auch nicht, sondern größtenteils Geschäftsmann.

Hält demnach ein chassidischer Rebbe immer noch seine Position inne oder machte er sich zur Marionette des Geldgebers ?

Ohne Spenden wären die meisten chassidischen Gruppen heutzutage aufgeschmissen.

Vor dem Holocaust war der Rebbe ALLES innnerhalb der Gruppe. Nach dem Krieg änderte sich so einiges und viele andere Leute wurden immer mächtiger. Wie abhängig bzw. unabhängig kann da ein Rebbe noch sein ?
Neulich hatte ich auf FACEBOOK eine Diskuussion darüber mit einem Familienmitglied einer wohlhabenden Spenderfamilie. Es war höchst aufregend muss ich sagen und je mehr ich über das Thema nachdachte, desto mehr Komplikationen stellten sich ein. Die Realität ist doch, dass niemand den wahren Einfluß anderer auf die Gruppe richtig definieren kann und da frage ich mich, ob die Gruppenmitglieder selbst wissen, was vor sich geht.
______________

Quelle:

"Hasidic People" von Jerome R. Mintz

Freitag, 28. November 2008

"Männer aus Seide"

B"H

Wer viele Details zum Chassidismus sucht, für den stellt das Buch "Men of Silk" von Glenn Dynner sicher einen Leckerbissen dar. Meinerseits bekam ich den Eindruck, dass die Einleitung zum Buch besser war als teilweise der Inhalt. Nicht, weil etwas falsch interpretiert war, doch Glenn Dynner verliert sich zu sehr in vielen kleinen Details, sodass das Buch einem intensiven Studium gleicht. Vielleicht aber war ich nur einfach zu faul, um alles ausgiebig zu studieren. Wobei das Buch jedenfalls sehr gut ist, doch manchmal zu ausführlich. Aber anscheinend ist dies der Sinn des Buches.

Dynner geht auf ein Thema ein, welches vielen Chassidim sowie den Anhänger dieser Ideologie zu denken geben sollte. Er versucht, die Chassidim der Vergangenheit realistisch und menschlich darzustellen. Alles sei gerade nicht so gewesen, wie wir oder Martin Buber uns das erhoffen. Vor allem Buber habe mit seinen chassidischen Stories einer Scheinwelt nachgehangen. Stories, welche andere Chassidim zu der Zeit noch nicht einmal glaubten und für zu übertrieben hielten.

Doch hängen wir nicht alle irgendwie an den mystischen Geschichten und dem so gerechten Verhalten vom Baal Shem Tov, dem Maggid von Mezritch, Rabbi Elimelech von Lejansk und seinem Bruder Rabbi Zusha ? Nicht zu vergessen all die vielen anderen Hunderten von chassidischen Rabbis. Verzichteten auf weltliche Freuden und Materialismus, nur um sich den spirituellen höheren Welten zu widmen und in ihnen einzutauchen. Das waren noch Zeiten !
Da zählte Selbstverzicht noch etwas.

Laut "Men of Silk" war jedoch vieles anders. Viele chassdische Rebben wie Rabbi Melech von Lejansk kamen aus wohlhabenden Familien und da sei es ja fraglich, wer da auf was verzichtete. Bei Rabbi Elimelech und seinem Bruder Zusha stimme ich jedoch nicht mit Dynner überein, denn es ist bekannt, dass beide Rabbis bis an ihr Lebensende alles andere als vom Wohlstand befallen waren. Oder ist alles nur eingebildet und falsch beschrieben ? Ich denke kaum.
Andere Rebben suchten bestimmt einige Vorteile, was man ganz klar zugeben muss. Wir sind alle nur Menschen und diverse Schafe gibt es in jeder Gesellschaft. Aber ist es nicht oft der Zustand des menschlichen labilen Verstandes, eine heile Welt zu suchen ? Wer tut das nicht ?

Sicher war und ist die chassidische Welt eine heile Welt bis zu einem gewissen Grade. Zu heilig allerdings ist sie auch wieder nicht, aber wer ist das schon ?

Freitag, 18. Juli 2008

Nostalgie des Gehorsams

B"H

Da kann eine chassidische Gruppe noch so in sich gekehrt sein; die strengsten internen Regeln haben und den Mitglieder die Öffnung nach außen hin untersagen. All das jedoch nützt nicht viel, denn der Wandel der Zeit oder besser gesagt, die Morderne, holt alle ein. Egal wo oder wie. Wir sind alle nur Menschen und bestimmt keine Heiligen.

Es entzieht sich meiner Kenntnis, ob die extreme chassidische Gruppe Toldot Aharon ihren Mitgliedern die Freundschaft mit Leuten außerhalb der Gruppe verbietet. Vielleicht weniger mit Satmarer oder anderen Chassidim, welche der antizionistischen Edah HaCharedit angehören. Wenn ich aber die Frauen der Toldot Aharon irendwo stehen sehe, dann unterhalten sie sich meistens angeregt mit den eigenen Leuten oder eben jenen der genannten anderen Chassidiot (chassidische Frauen). Bei den Männern besteht diesbezüglich ein großer Unterschied, denn diese sehe ich oft mit völlig Außenstehenden diskutieren.

Jüdisch - relig. Blogs lieben es teilweise, in ironischer Art und Weise auf "Drop outs" aus Satmar und anderen Gruppen aufmerksam zu machen. Gerade gibt es wieder einen ganz aktuellen Satmar - Fall, wo eine junge Frau die Satmar Siedlung nahe New York, Kiryat Yoel, verließ. Derzeit nimmt sie Rache an ihrer ehemaligen Gruppe und berichtet von ihrem "relig." Sex mit ihrem Ex. Eine Freundin sandte mit die Links plus beiliegender Bloghetze und meinte, das könne ja wohl alles nicht wahr sein. Ihre Aufregung darüber verstand ich wiederum nicht, denn besagte Satmarer Sexenthüllungen hatten nichts mit der Gruppe zu tun, sondern sind ganz einfach Halachot aus dem Schulchan Aruch (Code of Jewish Law). Und selbst wenn, dann hat die Davongelaufene eben einen bekloppten Ehemann gehabt. Deshalb braucht man sich nicht an der chassidischen Gruppe selbst ergötzen. Auch trotz diverser Vorschriften aller Art kann man immer noch den passenden Partner finden, der zustimmt, sich nicht daran zu halten. Mir selbst kamen schon viele solcher Stories zu Ohren, bei denen die Ehepartner daheim machen, was sie wollen.

Sogar bei den sonst so zugeknöpften Toldot Aharon habe ich schon festgestellt, dass bei der Jugend nicht mehr alles so streng gesehen wird wie einst. Wie es allerdings im Hause Satmar heutzutage ausschaut, vermag ich nicht zu sagen. Bisher galt immer, dass die Kinder ihren Eltern hohen Respekt zollen mußten. Und da einer der zwei Satmarer Rebben, Rebbe Aharon Teitelbaum, ein wichtiger Verbündeter der Toldot Aharon ist, dachte ich, dass bei Letzteren ähnliche Regelungen bestehen. Am letzten Schabbat wurde ich eines Besseren belehrt. Welcome to reality.

Einige rotzfreche Toldot Aharon Mädels pfiffen einem älteren Mitglied ganz schön die Meinung.

Ist das so verwunderlich ?

Israelische Jugendliche sind im allgemeinen rotzfrech und immer munter mit der "Schnauze zufuß".

Und dagegen schaue man sich die braven Toldot Aharon Mädels mit ihren langen Zöpfen sowie der Anstandskleidung an. Ein Unterschied wie Tag und Nacht.

Dennoch, Kleidung und Zöpfe können trügen, denn, wie ich eingangs sagte, jeder Mensch wird irgendwann von der Moderne eingeholt. Und dem können sich auch extreme Gruppen nicht verschließen.

Ich bin gespannt, wie die nächste oder übernächste Generation aussehen wird.

Sonntag, 13. April 2008

Verdächtigungen

B"H

Immer und immer wieder neu wiederfährt es mir. Sobald ich erzähle, dass ich über die haredische (ultra - orthod.) Gesellschaft schreibe, werde ich fast schief angesehen. Und das unabhängig davon ob mein Gesprächspartner religiös oder säkuler ist. Man verdächtigt mich sofort des Klatsches.

Und immer wieder neu ist es schwer, den Leuten klarzumachen, was genau ich berichte bzw. schreibe. Sehen sie meine Sites, sind sie meistens begeistert, aber wehe, wenn nicht. Wie soll ich Chassidim nur klarmachen, was genau ich schreibe und warum ? Das "WARUM" spielt hierbei eine immense Rolle, denn was ist die Aufgabe einer Frau in solch einer Gesellschaft ? Genau, heiraten und Kinderkriegen. Und wieso befasse ich mich stattdessen mit chassidischer Geschichte, der Kabbalah, dem Talmud oder mit den Chassidim ?

Dennoch bekomme ich viele positive Stimmen zu hören; überwiegend von männlichen Chassidim, denn für sie bin anscheinend eine wandelnde Attraktion. Oft tun sie sogar beschützermässig und gehen mir so schon wieder auf den Geist. "Naja, man muß ja der Dame mal sagen, was Sache ist".

Bei derlei Anbiederungen bleibt einem nichts anderes übrig als freundliche Fassung zu bewahren und richtig zu kontern. Spätestens zum nächsten Artikel tritt wieder etwas Ruhe ein.

Donnerstag, 3. April 2008

Spiritualität in der Mikweh

B"H

Eine der zentralen Rollen im Judentum wird manchmal leicht übersehen; nämlich der Mikwehgang - der Gang ins Ritualbad. Frauen benutzen sie in der Regel zum ersten Mal am Abend vor ihrer Hochzeit und danach als verheiratete Frau natürlich regelmässig. Es besteht die Halacha, dass eine jüdische verheiratete Frau nach dem Ende jeder monatlichen Regel in die Mikweh gehen muß. Hierfür gibt es genaue Gesetze wie, z.B., wann genau sie nach der Regel als zulässig für die Mikweh gilt oder wieviel Tage zwischen dem Beginn und Ende der Regel mindestens vergangen sein müssen. Darüber hinaus geht sie nach jeder Geburt (auch hier gibt es eine vorgeschriebene Anzahl von Tagen) in die Mikweh. Ein relig. Mann geht in der Regel jeden Freitag vor dem Schabbatbeginn in die Mikweh. Hinzu kommen ebenso die Feiertage.

Eines aber übersehen viele, die sich zum Thema "Mikweh" informieren. Das Ritualbad dient nicht nur der körperlichen, sondern ebenso der spirituellen Reinigung. Der große Kabbalist, Rabbi Yitzchak Luria (1534 - 1572) sah eine hohe mystische Bedeutung in der Mikweh. Genauso wie in der Kabbalah, massen später der Baal Shem Tov und seine chassidischen Anhänger bzw. Nachfolger der Mikweh allerhöchste spirituelle Bedeutung bei. Und so kommt es, dass chassidische Männer bis heute täglich in die Mikweh gehen. In der Regel geschieht dies am frühen Morgen.

Litvische Juden lieben es, sich über den täglichen Mikwehgang der Chassidim entweder zu beschweren oder einfach nur lustig zu machen. Das ganze Mikwehgerenne sei ja viel zu übertrieben. Chassidim hingegen betrachten es als eine absolute Notwendigkeit, nicht nur den Körper, sondern auch die Seele zu reinigen und mit der richtigen Kavanah (Konzentration) in der Mikweh sei dies allemal möglich. In der Chassidut heißt es, dass, z.B., der Baal Shem seine Weisheiten in der Mikweh erlangte. Durch Gebet und Kavanah stieg er zu höheren Leveln auf.

Gewöhnlich hegen die Chassidim ihre gruppeneigenen Bräuche in der Mikweh - so auch, wieviele Male man untertauchen muß. Bei der Chassidut Breslov ist es so, dass selbst die Frauen siebenmal untertauchen. Jedes Untertauchen wird als ein höherer Level gesehen, bei dem man völlig vom Wasser umgeben ist und so G - tt nahe kommt. Andere chassidische Gruppen hingegen folgen dem Brauch, mindestens dreimal unterzutauchen.

Unter chassidischen Rebbes sowie Kabbalisten ist es nichts Ungewöhnliches, die größte individuelle Kavanah (Konzentration) dadurch zu erreichen, indem sie sich auf die Namen G - ttes konzentrieren und völlig in die Meditation eintauchen.

Sonntag, 2. März 2008

Die Lästerein der Männer

B"H

In der haredischen (ultra – orthodoxen) Welt herrschen viele stereotype Ansichten über die Frau in der eigenen Gesellschaft.

"Frau sei naiv, ist oft unfähig, selbständige Entscheidungen zu treffen, will sich nicht unbedingt zu höheren jüdische Studien einschreiben, denn Frau verbringt lieber die Zeit mit den Kindern, in der Küche und beim Weiberklatsch. Ganz, wie sich das gehört."

Die Frauen selbst wissen, dass dies nicht immer stimmt, doch die Männer verfallen nur allzu gerne in diese bequeme Gedankenwelt. Und heißt es nicht schon im Talmud, dass die Frauen mehr "Binah – Verstehen" haben ? Wehe dem, der (die Frauen) diesen Talmudpassuk jemals einem Mann zitiert. Dann heißt es im Gegenzug, dass sei ja alles nicht wahr und die Frau brauche halt eine starke Hand.

Natürlich lästern und klatschen die Männer unter sich. Und das sogar zur Genüge. Chassidim sind da keine Ausnahme.
Seitdem ich über die haredische Welt schreibe, musste ich mir schon so einiges anhören. Ständig werde ich von männlichen Haredim (Ultra – Orthodoxen) ausgefragt. Zumindest versuchen sie es. Wohlgemerkt, Haredim und keine Nationalreligiösen. Wobei Letztere auch nicht hinten anstehen und genügend eigenen Klatsch und Tratsch verbreiten.

Was also lästert ein Chassid ? Welche Themen liebt er ?
Es versteht sich von selbst, dass er nur die Lästerein über andere chassidische Gruppen liebt und nichts, was seine eigene Gruppe angeht. Denn die ist schliesslich die Größte. Und wehe dem, der einem Chassid mitten ins Gesicht sagt, dass es Mißstände in seiner Gruppe gibt. Wobei es hier auf die Art der Mißstände ankommt, wie man es formuliert und rüberbringt. Sobald jedoch jemand etwas zur eigenen Gruppe verlauten läßt, wird natürlich die chassidische Konkurrenz beschuldigt, Unwahrheiten in die Welt zu setzen.

Chassidim lieben es, über die Rebbitzens andere Gruppen zu hetzen. Wenn es geht, viel Delikates. Ihre eigene Rebbitzen ist selbstverständlich die größte Zadekes (Gerechte), ausgesprochen intelligent, sie kann kochen, repräsentieren, ist voll Chesed (Güte) und wer weiß, was noch alles. Die Rebbitzen einer anderen Gruppe dagegen wird in Frage gestellt. Generell gilt, dass eben diese Rebbitzen weniger intelligent ist als die eigene.
Viele männliche Chassidim kennen die anderen Rebbitzens nicht, da sie nie mit ihr persönlich zu tun haben. Und so fragen nicht wenige mich, wie es denn beim Tisch war mit der Rebbitzen und so.

"Wie ist sie ?"

"Hat sie was im Hirn ?"

Ich lache mich jedesmal wieder aufs Neue tot, wenn ich diese Fragen höre. Wie soll ich denn die Rebbitzen einschätzen, wenn ich kaum mit ihr rede ? Die meisten von ihnen sind eh immer von ihrer eigenen Frauengruppe umgeben. Klar, bei den Toldot Aharon oder den Avraham Yitzchak ist es ungewöhnlich einfach mit den Rebbitzens zu reden. Aber nicht überall ist dies der Fall. Übrigens sind gerade diese zwei Rebbitzens von unbeschreiblicher unterschiedlicher Natur.

Soweit sprach ich nur mit einer Rebbitzen und die war von den Jerusalemer Kretchnifer Chassidim. Sorry, aber ich habe sie in dem Moment nicht nach ihrem IQ gefragt.

Männliche Chassidim jedoch lassen mich kaum mit der Frage in Ruhe und ich wiederum verstehe nicht, was sie von einer Antwort hätten. Wollen sie in dem Moment nur eine gewisse Überlegenheit gegenüber einer andere Gruppe fühlen ? Anstatt ewig nach der Rebbitzen zu fragen, würde mich hingegen interessieren, wieviel Hirn der Rebbe hat. Ist er wirklich so intelligent oder nur Rebbe, weil es halt so vererbt wird ?

Männer lästern nicht weniger als Frauen, aber in diesem Falle verstehe ich ihren Lästergrund einfach nicht.

Montag, 25. Februar 2008

Nur eine Show ?

B"H

Soweit passierte es mir unzählige Male. Sobald ich mit Chassidim sprach und sie über ihre Gruppen ausquetschte, bekam ich Folgendes zu hören:

"Du bist jederzeit herzlichst willkommen. Wir stellen extra eine Person für Dich ab, die Dich durch die Synagoge etc. führt und Dir alles über unsere Chassidut erzählt. Natürlich kannst Du auch mit unseren weiblichen Gruppenmitglieder sprechen."

In dem Moment, wo ich diese Sätze höre, beginnen bei mir sofort die Alarmglocken zu läuten. Derlei Angebote sind sehr nette Gesten und ich freue mich aufrichtig darüber. Dennoch frage ich mich andererseits, wie weit das ganze eine einzige Show sein mag und wer mir genau die Wahrheit berichtet. "Komm zu uns, komm zu uns, wir sind die Besten. Du brauchst nicht zu den anderen zu laufen."

Unzählige Male habe ich eindeutig klargemacht, oder versucht es klarzumachen, dass ich über alle nur möglichen chassidischen Gruppen schreibe. Und ehrlich gesagt bin ich manchmal richtig neidisch, nicht in New York zu wohnen oder zumindest zu sein. Ich kann nicht einfach einmal so zum Satmar, Bobov, Tosch oder wie sie alle heissen, Rebbe - Tisch gehen. In Jerusalem kenne ich nur sehr wenige Satmarer Chassidim und es ist allgemein bekannt, dass die Mehrheit der Jerusalemer Satmarer Anhänger des Rebben Zalman Leib Teitelbaum sind. In Bnei Brak dagegen findet man mehrheitlich die Anhänger des zweiten Satmarer Rebben, Rabbi Aharon Teitelbaum.

Nur kurz zur Erklärung: Seitdem der letzte große Satmarer Rebbe, Rabbi Moshe Teitelbaum, vor fast zwei Jahren verstarb, liegt Satmar im Klinsch. Die zwei Söhne des Rebbe Moshe, Aharon und Zalman Leib, streiten sich um die Nachfolge und es herrscht Krieg zwischen Williamsburgh und Kiryat Yoel.

Obwohl einer der beiden Brüder, Rebbe Aharon, im letzten August Jerusalem besuchte (ich nahm an seinem chassidischen Tisch teil), bewegt sich nicht viel im neuen Kiryat Yoel an der Jerusalemer Raul Wallenberg Street. Rebbe Aharon legte den Grundstein für ein neues 10 – stöckiges Gebäude, in welches seine Anhänger irgendwann einziehen werden. Allerdings besteht die Baustelle nach wie vor aus einer riesigen tiefen Grube. Dafür hat jede der zwei Anhängerschaften ihre eigene Jerusalemer Synagoge.

Was aber ist mit den Angeboten der verschiedenen chassidischen Gruppen ? Und nebenbei bemerkt, diese Chassidim wissen genau, dass ich über die Gruppen im Internet schreibe. Viele von ihnen sehen gerne ihre eigene Gruppe im Internet vertreten, ohne Frage. Ich gebe offen zu, dass ich die Angebote annehmen werde. Warum auch nicht ? Der einzige Störfaktor ist, inwieweit ich wirkliche Infos erhalte. Ist das ganze nur ein PR – Trip ?
Und selbst wenn ich mit den Gruppenmitglieder, incl. der Frauen, rede, inwiefern sind die Angaben verläßlich ? Es kann mir ja jeder Friede, Freude, Eierkuchen berichten. Insbesondere dann, wenn sie wissen, dass da jemand etwas veröffentlicht.

Es kommt natürlich auf die Fragestellung drauf an. Selbstverständlich würde ich keine allzu gemeine Fragen stellen. Nach all der Zeit im Chassidut – Business wird eh alles zur Routine und man kriegt schnell mit, wie, wann, was, warum. Selbst wenn sich jemand bei den Antworten dreht und windet, man bekommt alles mit und weiß zu reagieren.

Das Witzige ist, wenn wir über andere chassidische Gruppen sprechen. Grundsätzlich wissen Chassidim alles von den anderen. Glaube nur ja keiner, dass etwas unbekannt ist. Und so kommt es, dass selbst eine extreme Gruppe wie die Toldot Aharon die Chabadnikkim ganz genau kennen. Manche von Toldot Aharon haben sogar Verwandte bei Chabad und am vergangene Schabbat hatte ich bei Toldot Aharon tolle Gespräche zum Thema "Chabad".

Viele Gruppen lieben es, sich ins allerbeste Licht zu setzen. Und alle wollen ihren Rebben im Internet sehen. "Unser Rebbe ist der Größte. Vergiss nicht, ihn zu erwähnen. Und wenn Du weitere Infos brauchst, wir sind die perfekte Adresse."

Eines aber sollte jedem klar sein: Wer kein akzeptiertes Gruppenmitglied ist, der kommt niemals an die "geheimsten internen" Infos heran. Selbst als ich noch bei Chabad lernte erfuhr ich so gut wie nichts aus den Interna. Die Chabadnikkim sassen zusammen und flüsterten untereinander. Als ich einmal eine Chabad – Bekannte in London nach einem Rabbi fragte, was denn mit dem nicht stimme, bekam ich zur Antwort, dass mich das als Außenseiter nichts angehe. Das war's.

Die einzige Antwort, die ich hier geben kann ist, dass es auf das Gefühl ankommt. Welche Infos sind richtig, wann will der Chassid einen nur loswerden oder billig abspeisen; was kann ich glauben und was nicht. Wann wird nur Show gemacht und wann wirklich Tacheles geredet. Es kommt darauf an, auf wen man trifft und wie man mit der Situation umgeht.

Eines ist ganz wichtig: Immer sollte man vorbereitet zu solch einem Treffen kommen. Und das kann ich versprechen. Ich werde gründlichst vorbereitet sein. Vom Seher von Lublin hin zu Peshis'cha hin zu dem Hause Kotzk. Nichts wird ausgelassen und ich werde den Leuten mit meinen Fragen so richtig schön auf den Geist gehen. Jedenfalls denen, welchen man soetwas antun kann.

Sonntag, 24. Februar 2008

Zum Wohle der Wissenschaft und ….. des Geldes

B"H

Neulich las ich eines der Bücher des amerikanischen Autors Israel Rubin. Anfang der Siebziger Jahre schrieb er ein bekanntes Buch, in dem er die chassidische Gruppe Satmar sehr genau beschrieb. Ein hervorragendes Buch für all jene, welche sich für Satmar interessieren und zu einem späteren Zeitpunkt werde auch ich näher auf dieses Buch sowie Satmar selbst eingehen.

Israel Rubin ist religiöser Jude und befasst sich schon über viele Jahre hinweg mit den Satmarer Chassidim. Um alle Details zu bekommen und Chassidim interviewen zu dürfen, traf er sich mit dem damaligen Rebben, Rabbi Yoel Teitelbaum, der ihm offiziell die Erlaubnis erteilte, über die Gruppe schreiben zu dürfen. Heraus kam ein einmaliges Werk, was der Autor im Jahre 1997 auf den damaligen neuen Stand brachte. Natürlich hat sich seither bei Satmar wieder viel verändert und vielleicht kommt ja demnächst eine Neuauflage heraus.

Wie Israel Rubin und andere, schreibe ich aus relig. Gründen heraus. Ich gebe unumwunden zu, dass ich durch meine Berichte über die Chassidut meinen eigenen Weg versuche zu finden. Dieses Anliegen ist mir sehr wichtig und meine Gedanken beschäftigen sich ausgiebig mit dem Thema. Aus diesem Grund geniesse ich die Gespräche mit verschiedenen Chassidim.

Andere wiederum haben einen ganz anderen Grund, über den ich an dieser Stelle berichten möchte. Nicht wie Israel Rubin, ich oder viele andere relig. Schreiber, sondern jene, die sogenannte wissenschaftliche soziologische Untersuchungen an der chassidischen Bevölkerung durchführen.

Zuerst muß ich einmal wieder mehr klarstellen, dass ich gegen akademische Studien gegenüber der chassidischen Bevölkerung bin. Dies schliesst nicht aus, dass es natürlich derlei Studien zum Thema "Chassidismus und dessen Geschichte" geben muß. Alles aber was unter die Rubrik "Privatleben" fällt, schliesse ich davon aus.

Aber vielleicht zuerst zu meinem Beispiel, damit die Angelegenheit verständlicher wird:

Vor ca. sechs Wochen las ich eine Doktorarbeit einer israelischen Doktorantin. Name und Fachwissenschaft will ich nicht nennen.

Die Doktorantin, die ich hier einfach einmal D. nenne, suchte sich das Thema "Die Frauen der chassidischen Gruppe Toldot Aharon" aus. Ich las ihre 450 – seitige Doktorarbeit zweimal, wobei ich mehr als die Hälfte überschlug, da ich mich mit dem Thema selber befasse und mir die meisten Inhalte längst bekannt waren.
Über weite Strecken hinweg beschrieb und artikulierte D. ihr "Werk" vorwiegend wissenschaftlich. Sie machte einige Fehler in bezug auf die Edah HaCharedit und deren Mitglieder. Okay, das kann man noch verstehen.

Sie machte keine erkennbaren Fehler in bezug auf die Toldot Aharon selber. Ihr Thema begrenzte sich allerdings nur auf die Bildung der Toldot Aharon – Frau sowie die Tatsache, dass sich jene Frauen ein oder zwei Tage nach der Hochzeit die Haare abrasieren. Dies ist ein alter ungarisch – rumänischer Brauch, der nicht nur von den Toldot Aharon – Frauen praktiziert wird, sondern genauso von einigen Frauen anderer chassidischer Gruppen.

Die gesamte Beschreibung der Bildung überschlug ich, denn es waren die gleichen Inhalte wie in der gesamten haredischen Gesellschaft, Nichts Neues, auch wenn die Autorin Anderweitiges behauptete.

D. ist nicht unbedingt relig. und ging ein paar Mal zur Gruppe, chassidischer Tisch und Synagoge, um so mit den Frauen in Kontakt zu kommen. Hierzu sei nochmals erwähnt, dass die Toldot Aharon eine aus ca. 600 Familien bestehende extreme chassidische Gruppe sind. In Mea Shearim gelten sie als extrem, werden aber hoch respektiert. Ihr Verhalten ist nicht unbedingt nach außen orientiert und sie ziehen sich mehr in ihre eigene Gesellschaft zurück. Demnach war es für D. nicht leicht, Anschluß zu finden, aber sie schaffte es.

Was ich an ihrer Doktorarbeit kritisiere ist, die Art und Weise, wie sie an ihre Informationen kam.

Einigen Frauen der Gruppe gestand sie, dass sie eine Arbeit für die Uni verfasse. Kein Wort jedoch von einem Doktorat. Der Rebbitzen der Gruppe sagte sie nichts von schriftlichen Berichten, sondern behauptete, sie sei ganz einfach am Chassidismus interessiert und wolle sich der Religion nähern. So half ihr die Rebbitzen, ohne zu ahnen, dass sie in einem Doktorat landen wird.

Was ist daran so furchtbar ?
Ich stimmte mit der Art und Weise nicht überein und sah alles als zu wissenschaftlich formuliert. Wie weit darf jemand zum "Wohle der Wissenschaft" gehen ? Darf er lügen oder sich einschleichen ?

Letzte Woche rief ich D. daheim an, denn ich hatte einige Fragen und wollte mir ein Bild von ihr machen. Das, was folgte, hatte ich nie und nimmer erwartet.

Das Erste, was sie mir am Telefon entgegenhielt war, ich solle bloß keine Inhalte von ihr klauen.

Nun, meinte ich, dass braucht niemand zu tun, denn was D. schreibt, ist nichts Neues und eh bekannt. Und nach wenigen Gesprächen mit den Frauen, hatte ich mehr Wissen erlangt als D. in mehr als einem Jahr. Ich erklärte D., dass ich aus der Religion heraus schreibe und die Chassidim anders reagieren als wenn jemand von der Uni antrabt.

D. war mehr als sauer und schrie mir ins Ohr. Sie verdächtigte mich sogar, von der Gruppe selber zu sein, was ich verneinte. Ich versuchte ihr klar zumachen, dass ich zu keiner Gruppe gehöre, sondern ihr nur einige Fragen stellen wolle.

Dann war sie bereit zu antworten.

Mich interessierte brennend, ob sie noch Kontakte zu den Toldot Aharon habe, nachdem sie schon vor drei Jahren ihr Doktorat verfasste.

D. gab zu, dass dies nicht der Fall sei. Nachdem sie ihr Doktorat beendet hatte, war für sie Schluß mit dem Thema. Sie schreibe gerade ihr Post – Doktorat zu einem anderen Thema und sei damit busy.

Ich sagte ihr, dass ich anders reagiere. Ich täte die Leute nie so fallen lassen, a la….Info bekommen, nun könnt Ihr mich alle mal. Hauptsache ich habe alles im Kasten. Ferner sagte ich ihr, dass die Chassidim für mich kein Studienobjekt seien, sondern Menschen, die ich respektiere und viele davon rechne ich zu meinen privaten Freunden. Nie würde ich hinterrücks etwas Negatives schreiben und mich dann entfernen.

D. flippte völlig aus und begann mit einer wahren Rechtfertigungschose. Sie habe keine Zeit, kein dies, kein das. Kurz gesagt, sie fühlte sich ertappt.

Dann wurde ich erneut beschuldigt, ein Spion der Toldot Aharon zu sein.

Ich fragte sie, ob sie denn wisse, dass der Enkel des Rebben der Gruppe heiratet.

D. wusste es nicht.

Schließlich gestand sie, das Doktorat in ein Buch umzufunktionieren und veröffentlichen zu wollen. Sie wisse, dass sie damit die Toldot Aharon gegen sich habe und sie riesige Probleme bekommen wird.

Hätte sie sich nicht eingeschlichen, dann würde alles problemfrei ablaufen, aber sie hat die Rebbitzen belogen. Und nun befürchtet D., dass wenn sie alles veröffentlich, Drohungen der Gruppe bekommt. Anzunehmen.

Zu guter Letzt schlug D. vor, sich mit mir zu treffen und beraten zu wollen. Ich gab ihr meine e – mail, auf die sie bis heute nicht antwortete und auch nicht antworten wird.

D. macht bis heute den Fehler zu glauben, sie sei die Einzige auf der Welt, welche je mit den Toldot Aharon redete. Wer relig. bzw. Haredi ist, der kennt die Inhalte, die D. herausfand, eh schon längst. Und ich hatte diverse Themen schon vor Monaten angesprochen.

Wenn ich zu chassidischen Gruppen gehe, dann interessieren mich deren Inhalte, Bräuche, Religion, Rebbes und Synagogen. Natürlich spielt nebenbei das Soziologische eine Rolle, aber dies ist mir aus meiner eigenen haredischen Vergangenheit bekannt und ich schleiche mich nicht ein, um Leute zum Thema zu befragen. In dem Punkt kann ich mich selbst befragen.

Wie gesagt, mich stört die Art und Weise, wie D. an ihre Infos kam. Und sobald sie alles hatte, war sie verschwunden. Die Chassidim interessierten sie überhaupt nicht und jetzt will sie Kohle machen. Den Sekulären von chassidischen Frauen berichten, die ihre Haare abrasieren. Auf soetwas fliegt die hiesige sekuläre linke Presse und D. wird in diesen Kreisen Erfolg haben. Nicht dagegen bei den Religiösen.

Ein Freund von mir meinte, dass D. halt wissenschaftlich akademisch an die Sache herangegangen sei und nicht relig. wie ich. Das sei doch verständlich und ihre Sache. Stimmt, aber mir will einfach nicht in den Kopf wie jemand sich einladen lässt, Blabla erzählt und dann die Leute fallen läßt, wie eine heisse Kartoffel.

Andere, darunter auch Chassidim, liessen bei mir verlauten, dass sie man alles veröffentlichen solle. Kümmere doch eh keinen und die Chassidim lesen es sowieso nicht, eben weil ihnen die Themen bekannt sind. So what ?

Wie dem auch immer sei, ich erwartete D. am vergangenen Schabbat in der Synagoge. Freunde meinten, ich sei doof, aber ich gab die Hoffnung nicht auf. Tatsache aber war, dass D. nicht auftauchte und auch sich bei der Gruppe auch nicht mehr blicken lassen wird. Für sie ist das Thema abgeschlossen und es ist ihr wurscht. Jetzt gehts nur noch ums Bare.

Ich bin kein Wissenschaftler und froh, keiner zu sein, denn wenn es um solche Methoden und Ziele geht, verzichte ich auf jeden akademischen Grad. Ich werde weiter über die Toldot Aharon und viele andere chassidische Gruppen berichten. Soweit habe ich sehr viel von diesen Menschen gelernt und ich respektiere sie absolut. Dies heißt keinesfalls, dass ich immer mit ihnen übereinstimme, aber ich geniesse unsere gemeinsamen Diskussionen sehr und würde mir wünschen so sein zu können wie die Chassidim selber.

Mittwoch, 23. Januar 2008

Nichts läuft ohne Connections ab

B"H

Als Außenstehender durch die haredische (ultra - orthod.) Welt zu geistern, ist nicht immer einfach. Die haredische Welt besteht, wie schon unzählige Male zuvor berichtet, aus den litvishen Haredim sowie den Chassidim. Wer Infos oder Anschluß zur litvishen Welt sucht, der tut sich in der Regel einfacher. Klar, gibt es Unterschiede und nicht jeder Litvak ist gleich. Hierbei kommt es auch auf seinen individuellen Background und die Yeshiva (relig. Schule) an, in der er lernt. Zum Beispiel werden Leute aus dem Brisk - Movement keinem Außenstehenden etwas mitteilen. Insgesamt jedoch ist die litvishe Welt nicht zu vergleichen mit dem, was einen Außenstehenden in der chassidischen Welt erwartet. Wobei ich hier die Gruppen Chabad (Lubawitsch) und Breslov ausschliesse, denn dort ist es wieder anders.

Wer in die chassidische Welt eindringen will, und handele es sich hier um das Jerusalemer Mea Shearim oder das New Yorker Brooklyn, muß schon mit ganz anderen Kriterien aufwarten. Es steht außer Frage, dass derjenige halachischer Jude sein sollte. Mea Shearim & Co. geben sich nicht mit Reformkonvertiten oder jenen ab, die meinen, sie müssen sich als Jude ausgeben, wobei sie es nicht sind. Wer den Drang verspürt, sich als Nichtjude als Jude ausgeben zu müssen, der hat ein ernsthaftes Identitätsproblem oder ganz einfach eine deftige Schraube locker. Nicht nur, dass er sich selbst belügt, sondern zeigt er dadurch nur Hohn und Spott gegenüber den Chassidim. Des Weiteren sollte sich der Lügner darüber im klaren sein, jeden Moment aufzufliegen, was nicht angenehm sein wird.

Obwohl ich mich sehr häufig in der haredischen und insbesondere in der chassidischen Gesellschaft bewege und mit fast allen der Ideale bzw. Lehren übereinstimme, bin ich dennoch ein Außenseiter und werde auch als solches behandelt.

Manchmal wäre es für mich ohne zuverlässige Informaten aus der Szene selbst schier unmöglich, Details zu erfahren und beschreiben. Bücher lesen und in chassidische Synagogen zu gehen allein reicht nicht aus. Man muß Leute kennen lernen und sich einen gewissen internen Kreis aufbauen, sonst geht gar nichts.

Auf meinen ersten Kreis stieß ich eher ungewollt und seitdem geht alles leichter von statten. Nicht nur, dass ich lernte, mit den Chassidim zu reden und umzugehen; meinen Kreis kann ich auch bei eventuellen Fragen nennen und erhalte damit Zugang zu weiteren Gesellschaftskreisen. Zum Beispiel nenne ich die Namen einiger Leute, Chassidim kennen diese Leute normalerweise und lassen mich sofort ein. "Ja, wenn Du diejenigen kennst, dann bist Du okay."

Allmählich kommt man weiter, was jedoch mehrere Monate oder selbst Jahre dauern kann. Eines jedoch darf aber niemals vergessen werden: Die Außenseiterposition wird man durch diese Kontake NICHT los. Man bleibt ein Outsider und kommt nie in den Genuß der ganzen chassidischen Welt.

Vor wenigen Tagen rief ich Bekannte von der chassidischen Gruppe Satmar an. Da wir uns längere Zeit nicht sahen, mußte ich mich erst einmal wieder in Erinnerung rufen. Zuerst gelang mir das weniger und ich erzählte von einigen meiner Aktivitäten. Die Erinnerung kam postwended zurück. Man erinnerte sich schnell und schon war ich eingeladen. So werde ich diesen Schabbat bei Satmar verbringen. Als Outsider.

Sonntag, 13. Januar 2008

Ich bin Satmar

B"H

Es war am letzten Simchat Thora (nach dem Laubhüttenfest) im Oktober 2006. Ich befand mich auf dem Rückweg von Rabbi Mordechai Machlis und durchquerte munterer Dinge die Shivtei Israel Street. Ungefähr in der Mitte der langen Straße befindet sich der ultra - orthod. Stadtteil Mea Shearim. Kreuzung Shivtei Israel / Mea Shearim Street. Gleich daneben befinden sich die Einrichtungen und Wohngebiete der extremen chassidischen Gruppe Toldot Aharon.

Spontan entschloß ich mich zu einem chassidischen Tischbesuch. Im Vorbeigehen hörte ich die lauten chassidischen Gesänge aus dem Inneren der großen Synagoge erschallen.
"Warum nicht", sagte ich mir und ging in die schmale Gasse hinein, die rechts in die Hinterhof - Wohngebiete und links zum Fraueneingang der Synagoge führt.

An den Feiertagen ist es immer besonders voll und es war klar, dass an Simchat Thora Chaos herrschen wird. Der vordere Eingang an der Shivtei Israel war abgesperrt und so folgte ich zwei Frauen der Chassidut Satmar zum hinteren Eingang. Die Satmar - Damen hatte ich auf Hebräisch angesprochen, was jedoch bei Satmar jedesmal auf taube Ohren stößt. Man verwendet die hebr. Sprache (Laschon HaKoidesch) nur im Gebet und im Alltag erst nach dem Eintreffen des Meschiach. Und dementsprechend bekam ich dann eine wirsche Antwort auf Englisch mit heftigem jiddischen Akzent.

Auf der Rückseite des Synagogengebäudes brach das Chaos erst richtig aus. Der kleine Platz vor dem Treppenaufgang in die Synagoge glich einem Parkplatz für Kinderwagen. Mindest 30 Kinderkarren waren versammelt. Aber keine Angst, Diebstahl ist in der Gemeinde ein Fremdwort.

Die Synagoge, der ewig lange Korridor sowie der Treppenaufgang waren komplett mit Toldot Aharon - Frauen überfüllt und so waren dann die Satmar - Damen und ich, die einzigen, die von außerhalb kamen. Wir stellten uns hinten an, was den Satmarern schon bitter aufstieß. Satmar ist eine überaus reiche chassidische Gruppe und wer will sich da schon bei den ärmlichen Toldot Aharon anstellen, die von Satmar finanziell unterstützt werden ?

Irgendwann standen wir dann oben vor dem Eingang in den langen Korridor auf der Treppe. Eine schwergewichtige Toldot Aharon - Frau begrüßte uns mit strengem Blick und ich wußte, dass hier der Weg enden wird. Zuerst wurden die Satmar - Damen einem Verhör unterzogen. Die Schwergewichtige und Satmar diskutierten in Jiddisch, wobei Satmar immer mieserer Stimmung wurde. Schließlich rief eine der Satmar - Damen: "Ich bin Satmar", und die Schwergewichtige zuckte erschrocken zusammen.
"Oh", erwiderte sie und ließ die Zwei ein.

Dann blickte sie auf mich und fragte, wer ich denn sei. Ich dachte mir, dass das Password anscheinend lautet: "Ich bin Satmar", hielt mich aber zurück und wollte die Schwergewichtige nicht ganz aus der Fassung bringen. Freundlich machte sie mir klar, dass die Synagoge heute nur für die Mitglieder der Toldot Aharon sei und ich solle mir das ganze Chaos einmal anschauen. Sie sprach es und öffenete dabei die Tür.
Ich blickte hinein und sah eine Welle weisser Kopfbedeckungen der Toldot Aharon - Frauen umherlaufen. Wie ein Bienennest.

Die Schwergewichtige meinte, ich könne jederzeit wiederkommen, nur halt nicht heute. Und dann erhob sie ihre Arme und meinte, dass der Meschiach bald komme und dann wären wir (alle Juden) vereint. Entgeistert schaute ich sie an und brachte nur ein "Be'Ezrat HaShem - Mit Hilfe G - ttes" heraus. Die Toldot Aharon - Frauen hinter mir auf der Treppe konnten sich nicht sattsehen an der Schwergewichtigen, doch ich murmelte ein "Chag Sameach - Schönen Feiertag" und wankte nur die Treppe hinunter.

Vielleicht hätte ich doch sagen sollen, dass ich zu Satmar gehöre, denn so muß ich erst auf den Meschiach warten.

Sonntag, 6. Januar 2008

Kinderhochzeiten

B"H

In der haredischen (ultra - orthod.) Welt wird zwischen zweierlei großen Gruppen unterschieden:

1. Den litvishen Haredim mit ihren schwarzen Anzügen und weißen Hemden. Bei ihnen muß nicht jeder unbedingt antizionistisch eingestellt sein.

2. Die Chassidim, welche sich, außer den Gruppen Breslov und Chabad, weitgehend von der restlichen Außenwelt absondern. Ein Chassid zu sein, steht allerdings nicht immer gleichbedeutend für eine antizionistische Einstellung dem Staate Israel gegenüber.


Glossary zur orthodoxen Welt:

http://hamantaschen.blogspot.com/2007/05/kleines-glossary.html


Obwohl sich beide Gruppen nicht selten untereinander belächeln und jeder auf den anderen manchmal sarkastisch herabschaut, weisen sie dennoch eine Gemeinsamkeit auf:
Ihre Kinder heiraten überwiegend im frühen Alter von spätestens 19 Jahren. Das beste Hochzeitsalter ist mit 17 bzw. 18 Jahren.
In Israel ist eine Ehe vor dem 18. Lebensjahr gesetzlich verboten, doch ist es bei vielen Chassidim in Bnei Brak sowohl als auch in Jerusalem fast an der Regel, schon im Alter von 17 Jahren eine Ehe einzugehen. Wer im relativ "reifen" Alter von 19 oder 20 Jahren heiratet, gilt in der strikten ultra – orthod. Gesellschaft als sonderbar. Vielseits wird offen ausgesprochen, dass mit dem – bzw. derjenigen ja etwas nicht stimmen könne.
In der Regel gilt: Je eher jemand heiratet, desto besser.

Sehr häufig kommt es vor, dass ich ganz junge Frauen sehe, die allem Anschein nach schon verheiratet sind. Ich bin mir nicht sicher, ob ich diese Frauen wirklich Frauen nennen soll, denn vielmals wirken sie noch wie kleine Mädchen oder zumindest wie Teenies. Jedesmal wieder frage ich mich, was in diesen jungen schon verheirateten Frauen vorgeht. Da heiratet ein Mädchen aus der chassidischen Welt im Alter von 17 oder 18 Jahren und schiebt ein knappes Jahr später einen Kinderwagen vor sich her. Was empfinden diese "Kinderfrauen" dabei und wie sehen sie sich selbst ?
Was ist der Unterschied zu ihnen und ihrem Gegenpart in der litvishen Gesellschaft ? Und die Frage, welche fast alle Außenstehenden am meisten zu beschäftigen scheint: Warum sind so junge Frauen bereit, sich den Regeln ihrer chassidischen Gruppe zu beugen und sich wenige Tage nach der Hochzeit die Haare abzuscheren ?

Einen ganz wichtigen Punkt jedoch stelle ich diesem Thema vorweg:
Nie sollten wir auch nur für eine Sekunde vergessen, dass hier zwei gänzlich verschiedene Welten aufeinandertreffen.
Wo sind diese chassidischen Frauen aufgewachsen und wo bin ich bzw. ist es der Leser ? Was ist für uns "normal" und was bedeutet "normal" für die Haredim (Ultra – Orthodoxen) ? Was ich für normal und ggf. menschenverachtend halte, muß ein Betroffener noch lange nicht so sehen.

Und genauso beginnt diese Beschreibung der so "fremd" wirkenden Welt.

Beginnen wir zuerst in der etwas moderat erscheinenden litvishen Welt.
Der erste Unterschied innerhalb dieser Gesellschaftsgruppe beginnt mit dem Herkunftsland. Amerikaner können oftmals wirklich moderater sein, was aber nicht immer der Fall ist. Selbst ich habe schon Zuschriften aus der berühmten litvishen Lakewood – Yeshiva aus den Staaten erhalten, nachdem eine Frau dies und das aus der jüd. Religion nicht zu wissen hat, geschweige darüber schreibt. Lakewood gilt als litvish konservativ.

Insgesamt aber ist die litvish – haredische Bevölkerung von fast allen "Fesseln" befreit. Wenn der Mann will, kann er in einem Kollel (Lerninstitut für verheiratete Männer) lernen und die Frau geht arbeiten und versorgt den Haushalt; wenn er jedoch nicht will, dann geht er arbeiten und die Frau bleibt daheim. Eine festgelegte Ordnung herrscht nicht, sondern es ist jeder Familie individuell freigestellt, wie sie ihr Leben handhaben will. Die Freiheit ermöglicht es auch, einen Wohnsitz nach Wahl zu suchen. Litvishe Haredim wohnen gewöhnlich nicht in Gruppen zusammen wie die Chassidim (hierbei ausgenommen Chabad und Breslov). Die Litvishen haben zwar ihren individuellen Rabbiner, auf den sie hören, aber im Gegensatz zu den Chassidim mit deren Rebben, bestimmt der litvishe Rabbi nicht das Leben überhaupt.

Hochzeiten finden innerhalb der litvishen Gesellschaft statt, bei der übrigens jeder Jude einsteigen kann. Auch für den Neueinstieg gibt es keinerlei feste Aufnahmeregeln. Man kaufe sich einen schwarzen Hut, einen schwarzen Anzug und trage ein weisses Hemd. Frauen laufen gewöhnlich mit einem Rock herum, dessen Länge über die Knie hinausgeht, tragen langärmlige Blusen und bedecken mit einer Perücke ihr verheiratetes Haupt.

In der litvishen Gesellschaft spielt der Schadchan eine immense Rolle. Der Schadchan ist der Heiratsvermittler. Sein weiblicher Gegenpart wird Schadchanit genannt. Jene Vermittler üben ihre Tätigkeit entweder auf freiwilliger Basis bzw. nebenbei aus oder sie sind hauptberuflich tätig und der männliche Kunde wird zur Kasse gebeten.

Wer einen Partner sucht, der gehe zum Schadchan und lasse sich vermitteln. Der Mann spielt die Hauptrolle und ruft die Frau an, welche ihm der Schadchan nannte. Niemals ist es umgekehrt, denn dies gilt als unanständig. Bei diesem ersten Anruf geht es nur um eine kurze Kontaktaufnahme. A la "was machst Du, was mache ich" und ob man sich treffen will. An einem öffentlichen Ort wie Hotellobby, belebter Park oder in einem Café. Ist man sich nach mehreren Treffen mehr oder weniger sympathisch und kann sich eine gemeinsame Zukunft miteinander vorstellen, wird sich verlobt.

Eines ist immer anzumerken: Während dieser gesamten Zeit fassen sich beide Parteien nicht an. Noch nicht einmal die Hände werden geschüttelt. Es kann vorkommen, dass man sich noch nicht einmal gegenseitig in die Augen schaut. Wobei dies jedoch eher der Fall in streng chassidischen Zirkeln ist. Sich angefasst und Sex zu haben, gibt es erst nach der Hochzeit. Fand die Verlobung erst einmal statt, wird die Hochzeit geplant. Normalerweise wird zwei oder drei Monate nach der Verlobung geheiratet.

Nun zu den chassidischen Kreise, wobei ich die etwas offeneren Gruppen Chabad und Breslov auslasse, denn diese sind nicht vergleichbar mit dem Rest der chassidischen Welt.

Bei chassidischen Gruppen geht es wesentlich strenger zu als bei den Litvishen. Zwar können sich Partner auch in der litvishen Welt durch Freunde kennen lernen und nicht unbedingt immer über den Schadchan, in der chassidischen Welt dagegen gehen die Uhren anders. Wenn nicht gerade ein Schadchan eingeschaltet wird, dann haben Eltern oder Verwandte schon jemanden ausgespäht. Treffen tun sich beide Parteien nicht in Hotellobbies, sondern daheim im elterlichen Wohnzimmer. Entweder bei der Frau und falls ja, dann kommt der männliche Bewerber mit seinen Eltern vorbei. Umgekehrt kann dies auch stattfinden. Je nach Vereinbarung.

Da sitzen sich also eine junge Dame und ein junger Herr gegenüber und müssen mit anhören, wie deren Eltern über das Finanzielle reden. Wer zahlt die Hochzeit, wer die Möbel, lernt der junge Mann im Kollel oder nicht, geht er arbeiten, und und und. Stimmt das Finanzielle, dann dürfen sich die beiden Kandidaten auch kurz unterhalten.

Das Finanzielle ist äußerst wichtig, denn in der chassidischen Gesellschaft kaufen üblicherweise die Eltern der Braut dem Brautpaar eine Wohnung. Wer dazu finanziell nicht in der Lage ist, bekommt halt auch nur einen dementsprechenden Partner vermittelt.

Warum die Frau ?
Weil die Regel gilt, dass wenn sie einen "Ben Thora – einen Thoragelehrten" will, sie schon investieren muß.

Kurz darauf wird sich verlobt und der Rebbe oder ggf. die Eltern legen den Hochzeitstermin fest.

Das frischgebackene Paar selbst hegt nur wenig Kontakte, denn diese sind erst nach der Hochzeit erlaubt.
Natürlich hat eine Frau immer das Recht, einen vorgeschlagenen Partner abzulehnen und sich einen neuen vermitteln zu lassen. In litvishen Kreisen suchen manche sogar jahrelang nach einem passenden Partner. Bei strengen Chassidim gilt das Gleiche, doch ist hier zu bedenken, dass die Eltern einen gewissen Druck ausüben. Steht da ein toller Thoragelehrter mit großartigen Eltern an, dann wird das junge Mädchen schon mal hie und da zurechtgewiesen, dass das doch eine gute Partie sei.

In der litvishen Gesellschaft wird schon auf einiges geachtet. Seit einigen Jahren sind insbesondere viele der litvishen Männer von Arroganz und Mode geprägt und meinen, sie müssen jetzt irgendeine hochmoderne litvishe Barbie aufreissen. Innerhalb der Gesellschaft werden teilweise bösartige Witze gemacht. Die Mode sei für die litvishen Männer alles: Armani und was weiß ich alles.
Verheiratet wird genauso nach Herkunft oder der Yeshivalaufbahn (relig. Schule). Ist jemand Konvertit zum Judentum oder sind die Eltern konvertiert ? Falls ja, gibt es andere Konvertitenkandidaten.
Ein Yeshiva Bachur (Schüler) aus der bekannten Ponibezh – Yeshiva in Bnei Brak heiratet kaum eine Konvertitin. Insgesamt sind die Litvishen auf Prestige aus und man schaut genau auf die Eltern und die Yeshiva. So bleibt alles in der Familie. Bei den Chassidim geht es nicht anders zu.

Es ist ganz klar, dass der Mann in der Ehe mehr Freiheiten hat oder sie sich zumindest nimmt. Die Frau ist aufgrund der Kinder eher ans Haus gebunden. Aber nicht nur die Kinder sind der Grund. Meiner Erfahrung nach ist sie schon allein durch ihre Erziehung auf das Haus eingestellt. Die große Frage ist immer, wie da zwei Leute, die sich eigentlich gar nicht kennen, miteinander heiraten können ? Oder kurz und deutlich nachgefragt: Wie kann ich mit einem fast Unbekannten ins Bett gehen ?

Viele haredische Männer sagten mir, dass ihnen die Hochzeitsnacht endlich gelegen kommt, denn schließlich mussten sie bis dahin ohne Sex leben. Und das Einzige, woran der Mann denke, wäre halt das. Besonders litvishe Männer gaben mir diese Ansich zum Besten.

Ich denke mir, dass auf der weiblichen Seite die Gründung einer Familie die ausschlaggebende Rolle spielt. Und leider scheint es manchmal so als sei da der Mann Nebensache. Hauptsache, es kommen Kinder und sind die erst einmal da, dann lassen die Begierden eventuell eh nach. Schon im Kindesalter wird die Frau auf ihre Rolle vorbereitet und Tausendfach sehe ich, dass es noch immer das wahre Ideal der chassidischen Frau ist, eine Familie zu haben. Der Hauptpunkt sind die Kinder. Ein zweiter Grund für diese gesamte perfekte Planung ist selbstverständlich auch die eigene chassidische Gruppe, bei der die Familie einfach dazugehört.

Hochzeiten im frühen Alter sind von Vorteil, da jemand in diesem Alter halt noch keinen Vorlieben unterliegt und ständing mäkelt. Wohingegen ein Dreissigjähriger schon weniger Abstriche zu machen bereit ist. Jung bedeutet gleichzeitig oft naiv und die weitverbreitete Meinung ist, dass die Liebe eh später kommt. Und falls nicht, dann hat man wenigstens ein gemeinsam ausgerichtetes Ziel für das man lebt. Und überhaupt, was sei schon Liebe ? Da heirate man und nach wenigen Wochen sei das alles verflogen.
Kein gemeinsames Ziel = kein gemeinsames Zusammenleben.

So manches junge Mädchen ist durchaus bereit, eine entsprechende Ehe einzugehen. Wie man einen Haushalt führt, hat sie von Kleinauf gelernt, weil sie selbst schon ihre zahlreichen Geschwister mitversorgen mußte. Und nun ist halt sie dran, die Mitzwa (Gebot) zu erfüllen.

Andere wiederum lassen sich manchmal recht naiv auf eine Ehe ein. Was sollen sie auch groß antworten, wenn ihre Eltern bestimmen, dass das halt nun einmal so sei und noch dazu das Richtige. Was soll ein chassidisches Mädchen im Alter von 17 oder 18 entgegensetzen, wenn sie keinerlei Lebenserfahrung hat ?
Alle ihre Freundinnen heiraten um sie herum. Entweder will sie auch dabei sein oder sie tut es, weil es halt alle tun.

Und Leben ?
Was ist Leben, wenn es teilweise im chassidischen Hinterhof stattfindet. Was spielt es da für eine Rolle ?

Was ich immer wieder neu erlebe ist, dass seien die chassidischen Gruppen auch noch so extrem und die Gruppenmitglieder noch so offen, fast jede Frau ihr Leben in der Ehe und in den Regeln der Gruppe sieht. Für viele ist es eine absolute Selbstverständlichkeit.

Ist das nun fanatisch oder naiv ?

Die chassidischen Frauen stellen sich derlei Fragen selten, aber was sie interessiert ist, wie jemand Sekuläres so ein "leeres Leben" ohne Thora und Inhalte führen kann. Wie nur können da Frauen im knappen T – Shirt bekleidet herumlaufen und sich dermassen primitiv zur Schau stellen ?
So sehen diese Frauen das Leben im sekulären Bereich und viele fragen mich nach dem Leben jener nichtrelig. Frauen. Anscheinend ist dies das Interesse der relig. Frauen an der nichtrelig. weiblichen Welt, wogegen die andere Seite immer nur stöhnt, wie da die haredische Frau sich nur dem Mann unterwerfen kann.

Dies sind einige aufgeführte Punkte, die zum Nachdenken anregen sollen. Einige Punkte, nicht alle, denn die Liste ist lang.

Donnerstag, 3. Januar 2008

Interview mit einer jungen Frau von Toldot Aharon

B"H

Eine relig. Bloggerin schaffte es zufaellig, eine junge Frau der extremen chassidischen Toldot Aharon - Gruppe zu interviewen.

Das Interview fand im Oktober 2007 statt und ich moechte es niemandem vorenthalten:

http://www.evasnotes.net/2007/10/25/chat-with-engaged-toldos-aharon-girl/

Was der Bloggerin Eva gelang, versuche ich schon seit mehreren Monaten, aber bei Toldot Aharon muss man den richtigen Moment abpassen. Anstatt der hochzeitsbegeisterten jungen Frau aus dem Interview traf ich soweit auf eine deprimierte Frau nach ihrer Hochzeit.