Sonntag, 5. September 2010
Living in the Ultra - Orthodox Closet
Ein Chassid sandte mir heute den Link zu einem Artikel über die Drop - outs der haredischen (ultra - orthodoxen) Gesellschaft. Sie tragen haredischen Kleidung, leben in ihrer, doch genauso in der säkuleren Welt.
http://www.ynetnews.com/articles/0,7340,L-3944848,00.html
Ein paar persönliche Anmerkungen zum Ynet Article:
1. Ynet ist mehr als bekannt für seine anti - haredische Politik und deswegen erstaunt es mich keineswegs, einen derlei negativen Artikel vorzufinden.
2. Unglückliche Menschen gibt es in jeder Gesellschaftssparte und ich denke nach wie vor, dass diese Leute sich verändern und woanders nach ihrem Glück streben sollten.
3. Ich traf auf so einige Runaways der haredischen Gesellschaft (einschliesslich der einstigen chassidischen (Gur) Frau Sarah Einfeld) und muss sagen, dass jeder von ihnen seine eigenen privaten Probleme hat. Nicht wenige sind homosexuell oder haben psychische Probleme. Sarah Einfeld, zum Beispiel, will partout nicht religiös leben. Das ist ihr Recht und sie tat gut daran, die chassidische Gruppe Gur zu verlassen.
4. Es gibt viele Haredim, die sich nach aussen hin so geben, es jedoch im tiefen Inneren nicht mehr sind. Wer sich unwohl und deplaziert fühlt, der sollte meines Erachtens nach letztendlich die Konsequenzen ziehen, die Gesellschaft verlassen und sich ein anderes Leben aufbauen. Die Stadtverwaltung Jerusalem stellt zu dem Thema viele speziell ausgebildete Sozialarbeiter zur Seite.
5. Das Schlimmste ist immer wieder das Schuldgefühl. Sich schuldig zu fühlen, nicht die Mitzwot zu erfüllen und die Kenntnisse der Bestrafungen. Ich kenne das Gefühl aus eigener Erfahrung nur zu gut und so ganz davon los kommt man nie. Jeder befragte Rabbiner gibt einem unterschiedliche Antworten und am Ende muss jeder betroffene selber sehen, wie er mit all den Problemen klarkommt. Den eigenen Weg und damit seinen inneren Frieden finden. Das alles ist nicht einfach und der Betroffene sollte kompromissbereit sein. Insbesondere mit sich selbst.
Link:
Zu SARAH EINFELD , die gar keine Religion in ihrem Leben will.
Ihr Ziel war / ist es, beruehmt zu werden, was ihr nur teilweise gelang. Durch ihren Blog und verschiedene TV - Auftritte wurde sie in Israel bekannt, aber mittlerweile wiederholt sie ihre Aussagen und die Leute wenden sich anderen Themen zu.
Sarah ist total nett und eine gute Mutter, doch sollte ihr Ziel darin bestehen, sich ein neues Leben aufzubauen, anstatt den Kameras hinterherzuhecheln.
Die Chassidut Gur schweigt zu dem Fall, was ich am eigenen Leib erfahren musste.
Mittwoch, 10. Februar 2010
MENDY
Film über den Satmarer Chassid "MENDY", der seine Gruppe verlässt, um nach seiner Identität zu suchen.
Mittwoch, 20. Januar 2010
Donnerstag, 24. Dezember 2009
"I have never promised you a Rose Garden" - Chassidische Rebellinnen
Über längere Zeit hinweg verfolge ich per Internet die Stories dreier Frauen, die aus der chassidischen Gesellschaft ausgestiegen sind und die seither säkuler leben. Dabei tut sich zwangsläufig die Frage auf, inwieweit man denn nun tatsächlich ohne die Religion leben kann, wenn man jahrelang auf der Yeshiva lernte bzw. relig. aufwuchs. Alles so einfach abstreifen funktioniert nicht. Und wie ist das mit den Schuldgefühlen gegenüber sich selbst, G - tt, der Gesellschaft und der eigenen Familie ?
Sarah Einfeld in einem Dokumentarfilm. Beim Blogschreiben sowie einer Darstellung der haredischen Busse in Jerusalem.
Dienstag, 27. Oktober 2009
Was wurde aus Gitty Grunwald ?
B"H
Was wurde eigentlich aus "Gitty Grunwald" ? Diese Frage stelle ich mir seit geraumer Zeit und versuchte Infos aufzutreiben. Die Suche war so gut wie vergeblich, doch auf meinem englischen Blog verfasste ich einen aktuellen Beitrag zum Thema und vielleicht weiss jemand meiner New Yorker Leser Rat.
Wir erinnern uns:
Die junge Gitty Grunwald hatte vor mehr als einem Jahr die Nase voll vom relig. chassidischen Leben und entfloh aus der Gemeinde der Satmarer Chassidim in Kiryat Yoel / New York. Sie liess sich scheiden, rannte zum "New York Magazine" , welches ihre Story veröffentlichte. Danach hörten wir nie wieder etwas von Gitty.
Hier meine Abfassung in meinem englischen Blog:
http://shearim.blogspot.com/2009/10/how-about-gitty-grunwald.html
Freitag, 8. Mai 2009
FREEDOM
Tel Aviv ?
Igitt !
So lautet die stereotype Meinung vieler religiöser Israelis. Besonders der Jerusalemer !
Wie kann jemand nur in dem lasterhaft Sündenpfuhl Tel Aviv wohnen ? Sodom und Gomorrha ! Treife (unrein).
Nach fast einer Woche Arbeit in Jerusalem bin ich zurück in der modernen Variante des Sodom & Gomorrha unserer Zeit: In Tel Aviv.
Aber lasst Euch sagen - So schlimm ist es hier gar nicht. Im Gegenteil: Nach all dem Druck in Jerusalem bin ich froh, wieder hier zu sein. In Tel Aviv starrt mich niemand an. Hier erwartet niemand etwas von mir.
It is good to be free sometimes !
(Hierbei nicht "off - the - derech" mit "frei" verwechseln !!!)
Off - the - derech = Vom Wege abgekommen.
Relig., die nicht mehr so ganz bei der relig. Sache sind.
Montag, 20. April 2009
Entscheidungen
Einige meiner Freunde treiben mich regelmässig auf die Palme, wenn sie entweder nach Entscheidungen schreien oder einmal wieder einen sarkastischen Witz von sich geben.
Ich solle doch endlich einmal in die Gänge kommen und mich entscheiden, was ich will. Die Zukunft warte ja nicht ewig.
Und heute bekam ich erneut eine derartige Bemerkung auf meinen englischen Blog. Jaja, ich könne ja tun und machen was ich wolle, letztendlich aber lande ich doch irgendwann brav und anständig in einer chassidischen Gruppe.
Diese Thematik stellt sich mir persönlich sehr häufig. Seitdem ich zum ersten Mal Chassidut lernte, liess mich das Thema an sich nicht mehr los. Doch ob ich wirklich so leben kann oder will, bleibt mir bis heute, nach zumindest einem Versuch, weiterhin ein Rätsel.
Mittwoch, 25. März 2009
"Lehitchazek"

Die Nationalreligiösen an der Kotel (Klagemauer)
B"H
Wenn jemand einen israelischen Baal Teshuva (Jude, der erst im späteren Verlauf seines Lebens religiös geworden ist) Haredi befragt, warum er oder sie sich ausgerechnet der haredischen Gesellschaft verschrieben haben, bekommt nicht selten zur Antwort, dass man ganz einfach religiöser werden wollte. Religiös mit mehr Ernsthaftigkeit. Im Hebräischen benutzen wir dazu den Ausdruck "Lehitchazek - stärker werden in etwas, vertiefen". Und wenn man weiter fragt, erfolgt oft die Feststellung, dass bevor jemand Neues haredisch geworden ist, er es bei der nationalreligösen Gesellschaft versuchte.
Stets habe ich mich dabei gefragt, warum es Neureligiöse gerade in die haredische (ultra - orthodox.) Gesellschaft zieht. Ist das Nationalrelig. nicht genug ? Zum Beispiel kenne ich viele Nationalreligiöse, die strenger relig. leben als einige litvische Haredim. Weiterhin kann man als Nationalrelig. prinzipiell in "normaler" Kleidung herumlaufen und unterliegt nicht dem schwarze Hose - weisses Hemd - Prinzip der Haredim. Jeans bei Männern sind durchaus erlaubt und selbst die Frauen laufen im Jeansrock herum. Außerdem bleibt den verheirateten (geschiedenen sowie verwitweten) nationalrelig. Frauen das Tragen einer Perücke erspart und sie beschränken ihre Kopfbedeckung aus einen Hut oder eine Midpachat (eine Art Mütze). Die Gesellschaft an sich ist weniger streng und grundsätzlich kann jeder tun und lassen, was er will (abgesehen von grundlegenden Rabbinerentscheidungen brechen). Ist das also nichts ? Warum Haredi werden und all die, manchmal nervigen, Wandel durchlaufen ?
Als ich vor Jahren in einer Yeshiva lernte, bekam ich plötzlich den Drive, haredisch werden zu wollen. Frei gesprochen, um einen relig. Perfektionsversuch zu durchlaufen. Dies geschah weitgehend aufgrund meiner Freundschaften innerhalb der chassidischen Gesellschaft; vorwiegend aber wegen meiner Bekannten in Mea Shearim. Nicht vergessen zu erwähnen sollte ich dabei, dass mich diese Freunde niemals beeinflusst haben in meinen Entscheidungen. Nie haben sie mich in die haredische Gesellschaft hineinmissionieren wollen noch wollten sie mich zu irgendetwas verleiten. Es lag an mir, dass ich die haredische Gesellschaft als eine "perfekte Gesellschaft" betrachtete. Natürlich ist niemand auf dieser Welt absolut perfekt, generell gesprochen jedoch verkörpert die haredische Gesellschaft den Weg wie ein ein Thora - Jude leben sollte.
Litvische Haredim
Israels Haredim schauen vielfach auf die Nationalrelig. herab. "Die tragen Klamotten wie die Goim (in diesem Falle Nichtjuden) und suchen sich ihre Mitzwot, die sie gedenken einzuhalten, nur aus. Was mir in der Thora nicht passt, mache ich nicht".
Die Nationalreligiösen wiederum betrachten die Haredim nicht selten als fanatischen unproduktiven Fremdkörper. Eine geschlossene Gesellschaft mit Gesetzen, doch ohne Lebensfreude.
Allgemein aber sei gesagt, dass viele Nationalrelig. den Haredim ungemeinen Respekt zollen und umgekehrt erfolgt dies genauso. Nichts ist eben nur schwarz oder weiss.
Selbstverständlich herrschen zwischen beiden Gesellschaften Mentalitätsunterschiede und jeder neu Hinzugekommene muss halt schauen, wo er sich wohler fühlt. Ich denke, dass einige einstige Nationalrelig. sowie auch direkt neu Hinzugekommene die haredische Welt verherrlichen. Manchmal ist es die spezielle Kleidung, die eine immense Attraktion auf Außenstehende ausübt. Erst später im Alltagsleben stellt sich die Realität heraus und dann erfolgt nicht selten das große Erwachen. So manch einer flüchtet dann aus der haredischen Gesellschaft, andere machen so weiter, tun aber, was sie wollen und sind, im wesentlichen kein Teil der Gesellschaft; und wieder andere interessiert das alles nicht und sie kleiden sich in einer bestimmten Art und Weise, ohne jemals Teil der Gesellschaft sein zu wollen. In der litvischen Welt kann man so leben, doch innerhalb der chassidischen Dynastien (außer Breslov und Chabad) ist dies meist ein Ding der Unmöglichkeit, denn das gesellschaftliche Leben findet innerhalb der Gruppe statt.
Es gibt viele Juden, die nach zusätzlicher Frömmigkeit streben. Sie suchen eine größere Ernsthaftigkeit bei der Mitzwotausübung und erlegen sich von daher mehr Restriktionen auf. Einige stellen sich die Frage, was denn G - tt genau von ihnen erwarte.
"Kann ich nicht noch mehr tun als gefordert ?" Diesen Sätze höre ich von vielen Leuten immer wieder. "Was kann ich mir am kommenden Rosh HaShana (jüd. Neujahsfest) noch auferlegen, um mich selbst im Glauben zu stärken (Chizuk) und mich ebenso zu perfektionieren ?"
Der Überlegungen bedeuten nicht automatisch, dass jetzt derjenige sofort losrennen sollte, um Haredi zu werden, doch zahlreiche Personen meinen, die Haredim seien frommer als die Nationalreligiösen.
Warum das so ist ?
Die Antwort darauf muss jeder Jude für sich selber finden, denn sie ist individuell.
Gerrer (Gur) Chassidim
Als ich einigen Gesellschaftswechseln unterlag, stellte ich schnell fest, dass mir das haredische Leben nicht lag. Nicht der Religion wegen, sondern aufgrund der strengen Gesellschaftsregeln. In dem Moment fragte ich mich, ob G - tt tatsächlich wolle, dass ich Haredi werde. Ich verließ die Gesellschaft. Vielleicht nie ganz, denn ich habe immer noch Unmengen mit ihr zu tun, doch sehe alles heute etwas aus einer unabhängigeren Perspektive als in der Vergangenheit. Andere neu Hinzugekommene geben dies vor sich selber nicht zu und bleiben in der Gesellschaft. Sie leiden, zwingen sich aber dabei zu bleiben. Wobei ich niemandem empfehlen täte, einfach nur zu leiden, sondern wenn, sollte man gehen und seine innere Zufriedenheit sowie Zugehörigkeit woanders suchen.
Dienstag, 17. März 2009
Vier Jahre Haft für Elchanan Buzaglo
Michal (der richtige Name bleibt anonym) ist so glücklich wie lange nicht mehr. "Es gibt doch noch einen G - tt. Einen G - tt der Gerechtigkeit und nicht "Ihren" G - tt".
Mit "Ihrem" G - tt meint die 28 - jährige den 29 - jährigen Elchanan Buzaglo, welcher von der antizionistischen Edah HaCharedit entsandt wurde, um die der haredischen Gesellschaft entwichenen Michal wieder auf die Pfade des Anstandes zurückzubringen. Und sei es mit Gewalt.
Zusammengetreten habe Buzaglo die Frau; gnadenlos und im Namen G - ttes und des Anstandes.
Vor wenigen Tagen wurde er zu vier Jahren Haft und zu einer Geldstrafe von 10,000 Schekel (ca. 2000 Euro) veurteilt. Damit dürften sich dann seine 2000 Dollar Kopfgeld, der Entlohnung der Edah, nicht ausgezahlt haben.
Die Geschichte der Michal ist typisch für eine junge aus der haredischen Gesellschaft ausgestiegenen Frau. Mit 16 Jahren schon wusste sie, dass sie nicht mehr dazugehörte, doch ihre Eltern, strenge Haredim, wollten den Ausstieg ihrer Tochter verhindern. So verheirateten sie sie schnell mit einem 28 - jährigen Mann, wobei sie ihrer Tochter gegenüber angaben, der Zukünftige sei erst 23 Jahre alt.
In haredischen Kreise ist es mehr als üblich durch eine Heirat Probleme auszuradieren. So glaubt man, aufmüpfige Sprößlinge wieder auf den richtigen "ehrenwerten" Pfad zu führen und ihnen mit der neuen Eheverantwortung die Flausen auszutreiben. Erst einmal verheiratet, wenn es geht mit einem strengen Ehepartner, werden einm schon andere Gedanken in den Kopf kommen und man denkt nicht mehr ans Davonlaufen.
Nicht jedoch bei Michal. Obwohl sie im Alter von 22 schon dreifache Mutter war, platzte ihr mit 25 ganz der Kragen. Sie verliess ihren Gatten, der sich sofort mit den drei Kindern (heute im Alter von 6, 10 und 11 Jahren) in die USA absetzte, damit kein israelisches Gericht der abtrünnigen Mutter das Sorgerecht zuspreche.
Da sich Michal mit Männern zwecks Wiederheira traf untd sich außerdem von der haredischen Gesellschaft losgesagt hatte, entsandte die Edah HaCharedit den Schläger Buzaglo. Der aber hatte schon mehrere Personen auf dem Gewissen und die Polizei ermittelte.
Vor lauter Gewissenhaftigkeit begreifen viele haredische Eltern gar nicht, was sie ihren Kindern antun. Hauptsache der Scheint bleibt gewahrt und das nennt man dann religiös.
Link:
http://www.jpost.com/servlet/Satellite?cid=1237114842081&pagename=JPost%2FJPArticle%2FShowFull
Mittwoch, 4. März 2009
Ein Single ist ein Nichts
Am vergangenen Schabbat aß ich in Mea Shearim (ultra - orthodoxer Stadtteil in Jerusalem) zu Mittag. Ich war bei einer chassidischen Familie eingeladen, die in einem der Hinterhöfe wohnt. Dort wo auch die Neturei Karta, die Toldot Aharon, Satmar, die Toldot Avraham Yitzchak sowie die Anhänger des Chatam Sofer zuhause sind.
Ich nahm eine Freundin mit und zu unser aller Überraschung waren wir fast allein mit der Gastgeberin. Sobald die Familie Gäste hat, wird die Sitzordnung nach Geschlechtern getrennt. Heißt, dass Männer und Frauen in getrennten Räumen sitzen. Die Mäner sitzen gleich in einer Eßecke neben der Eingangstüre und wir Frauen sassen dahinter im Wohnzimmer. Wenn der Hausherr am Schabbat Kiddusch (Segnung des Weines) macht, so hören wir Frauen dies nur, da wir ja im Wohnzimmer nebenan sitzen.
Ich kenne einige chassidische Frauen, welche die getrennte Sitzordnung (nur wenn Gäste im Haus sind) als einen Tikun (Seelenkorrektur) betrachten.
Wir waren mitten beim Essen als eine ältere Frau aus der Nachbarschaft hereinmarschierte. Sie stammte ursprünglich aus New Jersey lebt aber nun im gleichen Hinterhof wie meine Gastgeber. Die Dame stellte sich als Mitglied von Chabad (Lubawitsch) vor und ich war recht überrascht, denn normalerweise trifft man in der Gegend nicht gerade auf einen Lubawitscher. Obwohl die abstritt eine der Meschichisten (jene Chabadnikim, die glauben, ihr letzter Rebbe sei der Meschiach) zu sein, war uns klar, dass sie schwindelte. Vor allem dann als sie auch noch am Tisch den Meschichistensong "Yechi Adoneinu …" zu trällern begann. Hinterher nahm sie meine Freundin und mich mit zu sich in die Wohnung, um uns Bilder von ihrer zweiten Hochzeit (vor zwei Jahren) zu zeigen. Und was sah ich da frischgedruckt auf ihrem Tisch liegen ? Eine Ausgabe des Magazins "Beit Moshiach" von Lubawitsch.
Sie kann von Glück reden, dass ihre Nachbarn das noch nicht herausgefunden haben, sonst würden diese eine Stange Dynamit in ihrem Briefkasten platzieren.
Die Bewohner Mea Shearims sind extrem neugierig. So furchtbar neugierig, dass es mir schon teilweise richtig auf den Wecker geht. Sobald man sich näher mit den Frauen unterhält, glauben sie auch schon, einen zu besitzen. Dann transformiert man automatisch zum Informationssklaven. Erst hören sie gemächlich zu, um dann darauf auf einem herumzuhacken.
Und am letzten Schabbat wurde ich zu solch einem Hackopfer.
Da ich Anfang 40 und Single bin, wird selbstverständlich auf mir herumgehackt, denn in der haredischen (ultra - orthdox.) Gesellschaft ist derlei Tatsache einfach unvorstellbar. Geschieden oder verwitwet JA, aber Single ? Und somit hackten dann die 78 Jahre alte Lubawitscherin samt Gastgeberin (Anhängerin des Chatam Sofer) auf mir herum. Man stelle sich zwei alte Damen mit ihren verrückten Fragen einschließlich ihrer wilden Fantasie vor.
Die Männer nebendran schlossen sogar die Tür als die Lubawitscherin rief, G - tt habe mir eine Gebärmutter gegeben, damit ich diese auch benutze. Das Schließen der Tür bemerkte ich gar nicht, denn ich dachte, ich befände mich inmitten eines Traumes. Hier sassen zwei alte Damen aus Mea Shearim und redeten von Gebärmuttern und Gefühlen !
Die Lubawitscherin berichtete uns, dass die vor zwei Jahren zum zweiten Male geheiratet hatte. Ihr Gatte sei ein direkter Nachfahre des Chabad - Gründers Rabbi Shneur Zalman von Liadi gewesen. Zehn Tage nach der Hochzeit bekam der frischgebackene Gatte dann einen Herzinfarkt. "Kein Wunder !" - dachte ich mir.
Nicht alle Haredim sind so wie jene Bewohner Mea Shearims, aber gerade in der Nachbarschaft meiner Gastgeberin existiert keine Frau, die in meinem Alter Single ist. Als ich von einem Freund erzählte, aber dass mir die Zeit zur Ehe fehle, kamen die Ladies erst richtig in Schwung.
Sobald ich jemanden aus Mea Shearim treffe, werde augenblicklich zwei Themen diskutiert:
1. Warum ich immer noch Single bin und 2. Wieso ich nicht so religiös bin, wie ich eigentlich sein sollte bzw. in der Vergangenheit einmal war.
Egal, wo man hinhört; ob in Bnei Brak oder Mea Shearim, alles redet ständig nur von Schidduchim (Ehepartner finden) und Kindern. Zumindest hatte die Lubawitscherin nichts gegen mein Internet einzuwenden, denn laut dem letzten Rebben darf alles zur Keduscha (Heiligkeit) verwendet werden. Unsere Gastgeberin hingegen fiel fast vom Stuhl. Sie als Anhängerin einer Chatam Sofer Gruppe ist gegen jegliche Neuerungen im Leben. "Alles Neue ist schlecht und verboten", so der im Jahre 1839 verstorbene Rabbi Moshe Sofer. Nur die "alten traditionellen" Wege haben sich zeitlebens als richtig erwiesen.
Wie dem auch sei, die beiden Damen geben nicht auf und planen eine neue Attacke, mich auf die richtigen Pfade zu bringen. Sie wollen mich mit einer Deutschen bekannt machen, die da auch in ihrer Nachbarschaft wohne. Einen Polen habe sie geheiratet und beide seien Mitglied einer chassidischen Gruppe geworden. "Eine richtige Zaddekes (gerechte Frau)", schwärmten die Ladies und es sei schon ein starkes Stück, dass Leute von außen uns allen heutzutage erst den richtigen Weg zeigen müssen.
Ich geniesse die Besuche bei extremen chassidischen Gruppen sehr, doch irgendwann wird es mir zuviel und ich bin immer wieder froh, danach in der "normalen" Welt (in der unseren) abzutauchen. Der Gesellschaftsdruck, der Chatam Soifer, der Hinterhof … das ist einfach alles zuviel für mich. Vielleicht ist es sogar G - tt zuviel …
Donnerstag, 19. Februar 2009
"Andere Wege" - Kinder bekannter chassidischer Rabbiner verlassen die Religion
Rabbi Samson Raphael Hirsch schrieb einmal einen Kommentar warum Esav und Yaakov so unterschiedliche Richtungen im Leben einschlugen. Wie wir wissen war Esav ein Rasha (Bösewicht) und Yaakov war der Zaddik (Gerechte). Hierzu gab Rabbi Hirsch einen gewagten und gleichzeitig einzigartigen Kommentar ab:
Wenn Yitzchak und Rivka (Rebekka) nur frühzeitig genug erkannt hätten, dass sie da zwei Kinder ausgesprochen unterschiedlicher Charaktäre aufziehen, dann hätten sie unverzüglich reagieren müssen. Jedes Kind bedarf einer individuellen Erziehung und Esav war, Im Gegensatz zu seinem Bruder Yaakov, kein Typ, der sich hinsetzt und lernt. Stattdessen wollte er draußen herumtollen, unterwegs sein und seine körperlichen Kräfte zur Geltung bringen. Ein Beruf, eine Arbeit oder ausreichend sportliche Aktivitäten hätten vielleicht Esavs Hyperaktivität ausgleichen können, doch wurde er offenbar von seinen Eltern zum Lernen bewegt. Ohne Yitzchak groß zu kritisieren, aber Kinder haben ihre eigenen Wege und nicht alle Geschwister sind immer gleich veranlagt. Als Elternteil die Schwächen und Stärken des Kindes herauszufinden und es dementsprechend zu erziehen.
Hätte Esavs Zukunft bei einer offeneren Erziehung anders ausgeschaut ? Eine interessante Frage, so finde ich, doch eine befriedigende Antwort bekommen wir darauf heute nicht mehr.
Die jüdische Geschichte lehrt uns, dass sich schon einige Kinder unserer Vorväter, deren berühmter Rabbiner oder anderweitigen Gelehrten nicht immer auf relig. gerechten Pfaden entwickelten. Jedenfalls nicht so religiös wie noch ihre Eltern. Der israelische Autor David Assaf beschreibt in seinem Buch "Ne'echaz Basbach" unter anderem das Abgleiten der Söhne berühmter chassidischer Rabbiner in den Säkularismus. Andererseits fand ich Meinungen, die dagegen besagen, dass in all den von mir unten aufgeführten Fällen, die Söhne TESHUVA machten (zu G – tt zurückkehrten). Nur nicht in einem Fall, nämlich dem Sohn des Rabbi Shneur Zalman von Liadi.
Der Chassidismus besitzt unzählige positive und einzigartige Seiten, dennoch ist nie immer alles so perfekt, wie es eigentlich sein sollte. Gleich nach dem Tode des Baal Shem Tovs zerstritten sich schon dessen Anhänger bezüglich seiner Nachfolge als Oberhaupt der chassidischen Bewegung. Die ersten Konflikte begannen und die eigenen Familien blieben davon nicht verschont. Einen bekannten chassidischen Rabbiner zum Vater zu haben bedeutet noch lange keine Garantie für superreligiöse Kinder.
Dies musste schon der Gründer der chassidischen Gruppe Chabad (Lubawitsch), Rabbi Shneur Zalman von Liadi, 1745 – 1812, erkennen. Dessen jüngster Sohn Moshe nämlich konvertierte zum Christentum.
Der Sohn des Israel of Ruzhin, 1797 - 1851, verliess ebenso die jüd. relig. Wege. Dov Baer von Leove, 1817 - 1876, heiratete schon im frühen Alter von 14 Jahren. Seine Frau war Scheindel, die Tochter des Rabbi Mordechai Twersky von Chernobyl. Die Ehe war nicht besonders gut und es folgte ein Umzug nach dem anderen. Nach dem Tode seines Vaters wurde Dov Baer von seinem Bruder ins Haus im Städtchens Sadigura aufgenommen und es kamen Gerüchte auf, dass Dov Baer dort gefangengehalten werde. Später lebte Dov Baer in Czernowitz, wo er im Jahre 1869 erklärte: "Er wünschte, dass die dummen Bräuche, die rein gar nicht auf dem Judetum basieren, abgeschafft werden würden. Man solle die Dornen vom Hause Israels entfernen". Sprachs und bekam ein Anhänger der "Aufklärung (Haskalah)".
Der nächste Fall ist der des Yechezkel, des Sohnes von Rabbi Aryeh Leib von Kozmir. Auch Yechezkel verliess die relig. Bahnen und änderte seinen Namen in "Stanilaus Hoga".
Der Schwager des berühmten Apter (Opatov) Rebben Avraham Yehoshua Heshel, und Sohn des Rabbi Chaim Tirer von Czernowitz, Kalman Kalonymus, wurde zum G – tteslästerer (Apikoret). Er begann Kartenzuspielen und aß unkoscheres Essen. Daraufhin liess sich seine Frau Yocheved, die Schwester des Apta Rebben von ihm scheiden.
Me'ir, der Sohn des ungarischen Zaddik (Gerechten), Rabbi Yitzchak Eisik von Kalov, startete anscheinend seine säkulere "Karriere" nach dem Ableben seines Vaters.
Es gibt noch viele weitere Beispiele und wir sehen, dass gewiss nicht jede Familie perfekt ist. Manchmal mag es an der richtigen oder falschen Erziehung liegen; andererseits suchen nicht wenige Jude nein offeneres Leben ohne all die strengen Massregelungen und Vorschriften. Ich bin mir sicher, dass es viele weitere wichtige und individuelle fuer derlei Lebensentscheidungen gibt. Nicht jeder Heranwachsende geht nur den einen vorgeschriebenen Weg und nicht jeder drückt sich gleich aus.
In den seltensten Fällen sind Druck oder Zwang die angebrachten Erziehungsmittel und es ist unlogisch jemanden in eine Gesellschaft zu pferchen, in die er nicht passt bzw. gehört.
Vor ein paar Monaten erzählte mir eine ältere Dame der Chassidut Karlin – Stolin, dass in Stolin jedes Kind seinen Bedürfnissen nachbehandelt und gefördert wird. Allerdings werden die Heranwachsenden dann doch im Alter von ca. 19 Jahren verheiratet, damit sie eine Familie haben, Verantwortung übernehmen und nicht irgendwo anders verloren gehen.
Für einige mag dies die richtige Lösung sein, doch für andere kann sich diese Art des Lebenslaufes als persönliche Katastrophe entpuppen.
Sonntag, 25. Januar 2009
Vergessen zu leben ?
Es gibt Zeiten, da haut es mich die Fülle der Halachot (Gesetze) tatsächlich fast um. Vielleicht nicht einmal so sehr die Fülle, aber vielmehr die Schlußfolgerungen, die wir orthodoxen Juden ziehen. Schlußfolgerungen, bei denen ich oftmals nicht vollständig nachvollziehen kann, ob diese nun richtig oder falsch bzw. übertrieben sind. Manchmal hört sich einfach nur alles so unglaublich kompliziert, wenn nicht irrational an.
Nicht, dass G - tt uns ausschließlich nur mit rationalen Gesetzen ausstattete - das ist nicht, was ich meine und ich sollte besser die Begegenheit vom letzten Schabbat erklären, auf die ich hier hinaus will.
Ich war im Haus eines Rabbiners zum Essen und am Ende beteten wir, wie vorgeschrieben nach einem Mahl, welches Brot beinhaltet, das Birkat HaMazon (den Segen nach dem Mahl). Ich langte nach einem sich auf dem Tisch befindenden Bencher (Buch mit Gebeten und Liedern) und als ich danach fasste bemerkte ich zu spät, dass die Außenseite des Buches voll Sauce war. Anscheinend ein Unfall beim Essen.
Meine Hand war verschmiert und klebrig und um sie zu reinigen, fragte ich eine der Töchter des Rabbis nach einer Papierserviette.
Sie gab sie mir ohne zu Zögern.
Jedenfalls reichte die Serviette nicht aus, denn meine Hand klebte weiter. Ich hätte jetzt zuende beten und mir dann beim Verlassen des Hauses die Hände waschen können. Allerdings befanden sich mindestens 70 Gäste im Haus und ich erahnte schon im voraus das Gedränge beim Hinausgehen. Von daher bat ich eine andere der Töchter, die Serviette ganz einfach ein wenig nass zu machen, damit ich so meine Hand abreiben konnte. Die Tochter jedoch weigerte sich mit der Bemerkung, dass sie nicht wisse, ob das am Schabbat erlaubt sei.
Soweit der besagte Zwischenfall und er mag völlig belanglos klingen. Ich habe noch nicht nachgeforscht, ob die Teenage - Tochter im Recht war oder nicht. In dem Moment war mir das irgendwie egal, denn das Einzige, was mir durch den Kopf ging war, wie Leute so besessen von der Halacha sein können.
Ohne Zweifel gab uns G - tt die Thora samt der Gesetze (schriftliche in der Thora sowie mündliche in späteren Mischna, welche Bestandteil des Talmud ist). Vielfach jedoch erscheint mir dass, was wir Menschen aus den Halachot machten, zu übertrieben. Eine Papierserviette am Schabbat nassmachen oder nicht ? Fällt das etwa unter "einweichen" und ist verboten am Schabbat ? Warum aber benutzen wir dann überhaupt Wischlappen oder Servietten am Schabbat ?
Es liegt mir fern, mich über die Tochter zu beschweren, dennoch aber meine ich, dass wir manchmal vor lauter Halachot vergessen haben, zu leben oder besser gesagt, das Leben zu geniessen. Deswegen, weil wir jedesmal bevor wir etwas beginnen, nachdenken, ob es erlaubt ist und falls wir uns nicht sicher sind, lassen wir es lieber. Auch hier keine Frage, denn G - tt beabsichtigt, dass wir Juden eine gewisse Moral und Disziplin einhalten. Genauso wie Nichtjuden mit den Sieben Noachidischen Gesetzen. Und viele Halachot dienen nun einmal dazu, einen sogenannten "Zaun" oder eine "Grenze" um das eigentliche Gesetz zu ziehen. Einen Zaun um den Ursprung setzen, damit wir erst gar nicht in Versuchung kommen. Zum Beispiel Stifte, Telefone, etc. vor Schabbatbeginn zu entfernen, damit wir dies nicht aus irgendeinem Grund benutzen. Wenn auch nur aus Versehen.
Andererseits erscheinen mir persönlich viele Vorschriften absolut irrational und dies soll, jetzt keine Ausrede für "unbequem" sein. Aus diesem Grund frage ich mich häufig, ob G - tt tatsächlich irgendwelche Roboter aus uns machen wollte und wir nicht doch vergessen haben zu leben bzw. das Leben zu geniessen ?
Montag, 15. Dezember 2008
Kleiderwechsel im Hauseingang
Wenn ich eines jemals so richtig vermisst habe, dann sind das meine Hosen. Ganz gleich ob Jeans oder andere, immer beneidete ich andere weibliche Wesen, die nicht in einen Rock gezwungen wurden.
Wer als Frau religiös lebt, der zieht natürlich einen langen Rock an. Vor ca. zehn Jahren noch gab es weniger Grüppchen, die sich dem relig. Hippiestyle anschlossen. Heutzutage kann man sogar Rock und Hose miteinander verbinden, indem man beides trägt. Lange Hose unter dem langen Rock; egal, ob die Hosenbeine unten vorschauen oder nicht. Je flippiger, desto besser.
In haredischen (ultra - orthod.) Kreisen ist soetwas absolut unvorstellbar und kein weibliches Wesen täte sich dermassen öffentlich zur Schau stellen. Üblich ist es im allgemeinen bei den Anhängern des Hippie - Rabbi Shlomo Carlebach sowie bei vielen Nationalreligiösen.
Vielleicht wäre einiges bei mir anders verlaufen, wenn es diesen flippigen Stil vor mehreren Jahren schon gegeben hätte. Vielleicht aber auch nicht, denn ich bin alles andere als der Hippietyp und mag diesen Stil "Hose & Rock" überhaupt nicht. Er erinnert mich an Leute, die sich nicht entschliessen können, was sie wollen und auf zweierlei Schiene fahren. Genauso wie wenn eine verheiratete Frau eine Kopfbedeckung und eine Hose trägt. Irgendwie passt immer etwas nicht zusammen und wirkt wirr.
Als ich nur unter Rockträgerinnen war, fiel es mir weniger auf; sobald ich jedoch eine Frau in Hosen sah, neidete ich ihr diese. Das erste Mal auf einer Yeshiva (relig. Schule), in der eine neue Religiöse in den ersten Wochen täglich in Hose zum Unterricht erschien. Ob ich das auch tun könnte ? Vielleicht, aber ich war zu feige und litt stattdessen unter den Rock.
Mindestens zweimal im Monat fuhr ich zu Besuch in meinen alten Kibbutz, wo absolut alles erlaubt war. Nicht, dass ich mich wild ins nichtrelig. Leben stürzte, um meinen Frust des relig. Lebens abzuschütteln. Eher war das Gegenteil der Fall. Je mehr ich mich aus meinem relig. Leben entfernte, desto fremder wurde mir die nichtrelig. Umwelt samt Menschen.
Eines aber wurde mir nie fremd: eine Hose. Meines Erachtens nach kann man vollkommen relig. sein, auch wenn man sich in Hose kleidet. Für die relig. Umwelt sicher nicht, denn dort wird zuerst nach dem Äußeren geurteilt.
"Hose ?"
"Aha, also Du bist sekulär".
Bei solchen Vorurteilen bin ich gewöhnlich jedesmal an die Decke gegangen, finde es aber mittlerweile nur noch lustig. Sobald die Religiösen zwei Sätze mit mir reden, ändern sie ihre Meinung sofort.
Der Yeshiva und haredischen Umwelt konnte ich keine Hose antun. Jedenfalls nicht öffentlich. Bei manchen Anlässen zog ich sie dann allerdings doch an. Geheim.
Es dauerte nicht lange und ich kannte fast alle öffentlichen Toiletten der Stadt. Kann sich jemand vorstellen, wie das ist, Angst vor der Entdeckung haben zu müssen ?
Ich dachte immer, dass ich ja schliesslich erwachsen sei und anziehen könne, was ich wolle. Dem war aber nicht so. Nicht nur wegen der Umwelt, sondern zusätzlich blockierte mich mein Gewissen gleich mit.
War ich auf dem Weg in den Kibbutz, zog ich mich vorher um. Die Hose steckte immer griffbereit im Rucksack. Gewöhnlich machte ich mich freitags mittags zum Zentralen Busbahnhof auf und die Strassen waren dermassen voll Leute, dass ich den letzten einsamen Winkel ausfinding machen mußte, um mich umzuziehen. Die Toilette war passe, denn irgendwie wirkte es absurd, wenn ich im Rock hineinging und in Hose wieder herauskam. Käme da nicht jemand auf die Idee, ich sei pervers oder so ?
In einem haredischen Viertel fand ich die Lösung. Obwohl man mich dort bei einer eventuellen Entdeckung erst richtig für pervers gehalten hätte. Ich wechselte meine Kleidung auf einer kleinen Baustelle. Schnell hinter die Mauer geschlüpft, hinein in den neuen Hauseingang, Rock aus, Hose an und fertig war ich. Wer diese Prozedur ein paar Mal durchläuft, der kann seine Schnelligkeit ins Guiness - Buch der Rekorde eintragen lassen. Ganz sicher habe ich den absoluten Kleidungswechselrekord aufgestellt. Entdeckt wurde ich nie; auch dann nicht als ich aus dem haredischen Viertel hinauseilte, um zum Busbahnhof zu gelangen.
Wenn ich heute die gleiche Strasse durchquere, dann denke ich jedesmal an meine Kleiderwechsel. Natürlich gibt es die Baustelle nicht mehr und es steht dort ein fertiges Wohngebäude. Die Mehrheit der Wochentage trage ich Hose und beschränke mich bei relig. Anlässen und am Shabbat auf den Rock. Ein schlechtes Gewissen habe ich nicht mehr, trage ich doch erstens genug Rock mittendrin und zweitens muss ich mich nicht vor der Umwelt rechtfertigen. Auch ohne ständigen Rock bin ich religiös. Zumindest in meinen Augen.
Freitag, 25. Juli 2008
Gitty Grunwald in Israel
Die aktuelle Wochenendausgabe der israel. linksgerichteten Tageszeitung "Haaretz" präsentiert ihrer Leserschaft den vollständigen "New York Times" - Artikel über Gitty Grunwald. Die nämlich war Anfang des Jahres 2007 den Satmarer Chassidim sowie deren Kleinstadt Kiryat Yoel (ca. 50 km weit entfernt von New York) entflohen.
Zusätzlich übernahm "Haaretz" ebenso die Photos, welche die "New York Times" von Gitty und ihrer Tochter Esther Miriam knipste.
Ich kann Gitty's Entscheidung, die chassidische Gruppe Satmar zu verlassen, durchaus verstehen, denn dies ist ihre private Angelegenheit. Aber wieso ist sie denn nur zur Presse gerannt ? Damit sie so richtig Aufmerksamkeit für den anstehenden Gerichtsprozeß um das Sorgerecht für ihre Tochter auf sich zieht ?
Okay, das kann ich ebenso akzeptieren, obwohl nicht jeder Satmar - Aussteiger automatisch den Drang verspürt zur Presse zu laufen und dort Dampf abzulassen.
Was ich dagegen absolut nicht akzeptiere, ist die Entscheidung Gitty's sich für die Öffentlichkeit und ihre Tochter halbnackt ablichten zu lassen. Trotz allem Drang nach Publicity sollte man doch ein gewisses Quentchen an Selbstrespekt aufrechterhalten. Gitty für sich selbst und insbesondere bezogen auf ihre Tochter.
Ich könnte so sauer auf Satmar sein, wie ich nur wollte, was mich allerdings nicht automatisch dazu verleitet, mich und meine Tochter halbnackt ablichten zu lassen. Und in dieser Hinsicht kann ich sogar Satmar verstehen.
Wieviel hat Gitty nun eigentlich von der "New York Times" für die Photos bekommen ?
Vielleicht täte mich die Antwort ja dazu verleiten, meine Meinung zu ändern.:-)
Montag, 21. Juli 2008
Freitag, 18. Juli 2008
Nostalgie des Gehorsams
Da kann eine chassidische Gruppe noch so in sich gekehrt sein; die strengsten internen Regeln haben und den Mitglieder die Öffnung nach außen hin untersagen. All das jedoch nützt nicht viel, denn der Wandel der Zeit oder besser gesagt, die Morderne, holt alle ein. Egal wo oder wie. Wir sind alle nur Menschen und bestimmt keine Heiligen.
Es entzieht sich meiner Kenntnis, ob die extreme chassidische Gruppe Toldot Aharon ihren Mitgliedern die Freundschaft mit Leuten außerhalb der Gruppe verbietet. Vielleicht weniger mit Satmarer oder anderen Chassidim, welche der antizionistischen Edah HaCharedit angehören. Wenn ich aber die Frauen der Toldot Aharon irendwo stehen sehe, dann unterhalten sie sich meistens angeregt mit den eigenen Leuten oder eben jenen der genannten anderen Chassidiot (chassidische Frauen). Bei den Männern besteht diesbezüglich ein großer Unterschied, denn diese sehe ich oft mit völlig Außenstehenden diskutieren.
Jüdisch - relig. Blogs lieben es teilweise, in ironischer Art und Weise auf "Drop outs" aus Satmar und anderen Gruppen aufmerksam zu machen. Gerade gibt es wieder einen ganz aktuellen Satmar - Fall, wo eine junge Frau die Satmar Siedlung nahe New York, Kiryat Yoel, verließ. Derzeit nimmt sie Rache an ihrer ehemaligen Gruppe und berichtet von ihrem "relig." Sex mit ihrem Ex. Eine Freundin sandte mit die Links plus beiliegender Bloghetze und meinte, das könne ja wohl alles nicht wahr sein. Ihre Aufregung darüber verstand ich wiederum nicht, denn besagte Satmarer Sexenthüllungen hatten nichts mit der Gruppe zu tun, sondern sind ganz einfach Halachot aus dem Schulchan Aruch (Code of Jewish Law). Und selbst wenn, dann hat die Davongelaufene eben einen bekloppten Ehemann gehabt. Deshalb braucht man sich nicht an der chassidischen Gruppe selbst ergötzen. Auch trotz diverser Vorschriften aller Art kann man immer noch den passenden Partner finden, der zustimmt, sich nicht daran zu halten. Mir selbst kamen schon viele solcher Stories zu Ohren, bei denen die Ehepartner daheim machen, was sie wollen.
Sogar bei den sonst so zugeknöpften Toldot Aharon habe ich schon festgestellt, dass bei der Jugend nicht mehr alles so streng gesehen wird wie einst. Wie es allerdings im Hause Satmar heutzutage ausschaut, vermag ich nicht zu sagen. Bisher galt immer, dass die Kinder ihren Eltern hohen Respekt zollen mußten. Und da einer der zwei Satmarer Rebben, Rebbe Aharon Teitelbaum, ein wichtiger Verbündeter der Toldot Aharon ist, dachte ich, dass bei Letzteren ähnliche Regelungen bestehen. Am letzten Schabbat wurde ich eines Besseren belehrt. Welcome to reality.
Einige rotzfreche Toldot Aharon Mädels pfiffen einem älteren Mitglied ganz schön die Meinung.
Ist das so verwunderlich ?
Israelische Jugendliche sind im allgemeinen rotzfrech und immer munter mit der "Schnauze zufuß".
Und dagegen schaue man sich die braven Toldot Aharon Mädels mit ihren langen Zöpfen sowie der Anstandskleidung an. Ein Unterschied wie Tag und Nacht.
Dennoch, Kleidung und Zöpfe können trügen, denn, wie ich eingangs sagte, jeder Mensch wird irgendwann von der Moderne eingeholt. Und dem können sich auch extreme Gruppen nicht verschließen.
Ich bin gespannt, wie die nächste oder übernächste Generation aussehen wird.
Donnerstag, 12. Juni 2008
Ich – Der Verräter
Ich bin mir durchaus bewußt, dass dieser Artikel manche Männer dazu verleiten mag, mir nicht gerade positiv zu begegnen. Und gerade jenen möchte ich sagen, dass mir die ganze Situation so ziemlich zum Halse heraushängt; nämlich das Haredim (Ultra – Orthod.) im Internet pornographische Sites konsumieren.
Ja, dies ist ein religiöser Blog und vielleicht sollte ich gewisse Gesellschaftsprobleme einfach ignorieren. Aber genau das tue ich nicht. Es geht mir nämlich total auf die Nerven, wenn ich litvische und chassidische Yeshivastudenten sehe, die sich nackte Frauen im Internet anschauen.Ich kann nicht mit Statistiken aufwarten, doch haben junge Chassidim und litvische Juden das Internet entdeckt und rennen ihrer "schlechten inneren Seite – der Yetzer" hinterher. Dies ist gewiß kein Geheimnis mehr und ab und zu hängen diverse Poster an den Wänden Mea Shearims aus, auf denen Warnungen gegen junge Haredim ausgesprochen werden, sich ja nicht in Internet – Cafes herumzutreiben. Trotzdem gehen die Umtriebe weiter und das nicht nur in Mea Shearim.
Neulich hatte ich ein spezielles Erlebnis der ganz besonderen Art und ich hatte die Situation so satt, dass ich in einer bestimmten Art und Weise reagierte.
In Jerusalem sind die Internet – Cafes alles andere als billig und so mancher Haredi hat einen Weg gefunden, kostenlos durch das Net zu surfen. Zum Beispiel gehen sie in öffentliche Bibliotheken, wo sie den Computer herumdrehen, sodass niemand anderes den Bildschirm erblicken kann. Kürzlich sah ich einen jungen Chassid in der jüd. – relig. Abteilung der Nationalbibliothek, welcher gerade auf eine nackte Frau starrte. Ich ging zu einer der Angestellten und verpetzte den Chassid. Die Angestelltewiederum stürmte sofort in Richtung Chassid. Das Witzige war, dass sie so plötzlich hinter dem Bildschirm des Chassid auftauchte, dass dieser keine Zeit mehr fand, die Zeit zu schließen. Die Angestellte schmiß ihn gnadenlos hinaus.
Ich habe mir vorgenommen, es mit jedem so zu machen, wie mit dem jungen Chassid. Sehe ich nochmals unbekleidete Frauen, Männer oder sonst etwas in der Art auf einem Bildschirm, werde ich dafür sorgen , dass derjenige fliegt. Jeder kann im Internet surfen wie er will, wobei es mir egal ist, ob jemand Säkuleres sich pornographische Sites anschaut. Aber Haredim, welche in ihrer relig. Kluft herumlaufen und am Mozzaei Shabbat (Shabbatausklang) sogar mit einem Streimel (traditionelle Pelzmütze) ins Internet – Café kommen, stören mich. Warum das ? Wenn jemand relig. Kluft trägt, dann sollte er sich auch durch ein demangepassten Verhalten auszeichnen. Wieviele Male wurde mir von Haredim vorgeworfen, dass ich mich unständig benehme ? Ich solle einen langen Rock anziehen und dies oder das nicht tun. Und wieviele Male saß ein Haredi neben mit, der sich pornographische Sites anschaute ?
Mindestens zweimal pro Woche kommt die Mishmeret HaZniut (Anstandspolizei) in das Jerusalemer Internet – Café in der Jaffa Road. Die haredische Gesellschaft kennt dieses Problem nur zugut, schafft es aber nicht, alles unter Kontrolle zu bringen. Niemand außer der betroffenen Person selbst ist in der Lage, die Kontrolle zu gewinnen. Wenn derjenige seine Yetzer überkommen kann. Das Internet ist eine äußerst positive Erfindung und alles hängt davon ab, wie man es nutzt. Aber ich finde es absolut abartig, wenn Haredim sich öffentlich vor aller Augen irgendwo hinsetzen und sich Pornosites anglotzen.
Nein, keineswegs verallgemeinere ich und ich weiß sehr wohl, dass es sich bei den Internet – Spannern nur um eine Minderheit handelt, welche das Net negativ nutzt. Vielleicht aber sollten haredische Yeshivot sich mehr der der Problematik stellen und nicht nur immer blind die PC – Nutzung verbieten. Das allein kann keine Lösung sein.
Donnerstag, 5. Juni 2008
Manchmal
Manchmal bin ich nicht hier und nicht dort. In keiner religiösen und sogar in keiner säkuleren Welt. Dann brauche ich einfach nur meine Ruhe und will mich mit allem, nur nicht der Religion befassen. Aus diesem Grund könnte ich auch nie ein Mitglied einer festen chassidischen Gruppe sein, denn ich bin zu introvertiert und unfähig in einer geschlossenen Gesellschaft zu überleben.
Einige Jahre dachte ich immer, das es nur mir so geht. Anvertrauen kann man sich mit diesem "Problem", falls es überhaupt eines ist, kaum jemandem. Leicht kann es geschehen, dass einen alle schief ansehen. "Oh, die will bestimmt die relig. Pfade verlassen", und so. "Off - the - Derech (Vom Weg abgekommen)" so heißt das im Fachvokabular. Man ist zwar relig., aber bricht gewisse Regeln. Und bei gewissen Leuten führen schon Kleinigkeiten dazu, einen als "Off - the - Derech" abzustempeln. Dabei bin ich einfach nur froh, ausspannen zu können und mich mit ganz normalen Leuten über irgendetwas zu unterhalten und nicht nur ewig auf "Baruch HaShem - G - tt sei Dank" machen zu müssen.
Ich brauche meine Pausen und nehme sie mir. Selbst dann, wenn ich wieder einmal Gefahr laufe als "Off - the - Derech" zu gelten. Einmal etwas anderes zu tun bedeutet nicht der Religion und G - tt zu entwischen. Leider wird dies vor allem in der haredischen (ultra - orthod.) Gesellschaft jedesmal so interpretiert. Man soll sich ja selbst minimieren (Bitul) und nur G - ttes Willen tun, weil man ja schließlich zu dem Zweck erschaffen worden ist. Und manchmal habe ich das alles so ziemlich satt und fahre woanders hin, nur um einmal "normal" sein zu können. Normal, aber nicht "Off - the - Derech".
Donnerstag, 7. Februar 2008
Wie soll es weitergehen ?
Vorgeschichte:
Jeder wird in seinem Leben immer wieder mit etwas konfrontiert; bei mir sind es die Aussteiger aus der Haredi - Society (Aussteiger aus dem Ultra - Orthodoxen Judentum).
Immer wieder treffe ich unbewußt auf andere Aussteiger. Jemand meinte einmal lakonisch zu mir, dass dies vielleicht G-ttes Weg sei, mich auf die Haredi - Pfade zurückzuführen.
Seien es nun Satmar, Chabad, Belz oder Gur (Ger)....Ich habe die Gabe alles anzuziehen.
Mein Ausstieg aus der Haredi - Society war wesentlich einfacher als derer aus den genannten chassidischen Gruppen. Nicht als Haredi geboren, kam ich viel später dazu. Heißt, ich hatte vorher ein "normales" Leben mit Uni und Beruf, was den Ausstieg im Endeffekt erleichterte.
Ich kam irgendwie zufällig dazu. Durch meinen Job mit Haredim und die automatischen Haredi - Freunde. Dadurch kam ich in die Gesellschaft und nahm an vielen Shabbat - Essen bei Satmar in Mea Shearim teil. Zusätzlich ging ich noch auf eine litvishe (Midnagdim) Yeshiva. Die Umwelt ausserhalb dieses Zirkels, die sogenannte "normale" Welt, spielte keine Rolle mehr. Nicht, dass man sich als Haredi total abschottet, doch will man andererseits auch nicht mit gewissen Dingen in Berührung kommen, die einen dann stören. Unglücklich war ich nicht, eher das Gegenteil.
Doch wo kam der Bruch ?
Der Bruch kam nicht durch die Haredim, sondern durch mich selbst. Um perfekter zu sein, hatte ich mir selbst Zwänge auferlegt, was mich gewiß nicht zu einem Einzelfall macht. Andererseits vermisste ich sehr viele Dinge in meinem "neuen" Leben, wie Kino, Kreativität etc.
Ich war in zwei Personen gespalten, was mich zu einem Doppelleben zwang. Unter der Woche war ich toll religiös und dreimal pro Monat auch am Schabbat. Doch einmal pro Monat mußte ich entkommen. Entweder nach Tel Aviv in ein Hostel und Halligalli machen oder ich fuhr zu einer belgischen Freundin, welche damals in Kiryat Ekron (nahe Rehovot) wohnte. Francoise wußte schon immer, was auf sie zukam, wenn mein Besuch anstand. Erst einmal dauerte es mindestens zwei Stunden, bis ich meine religiöse Welt vergaß und mich auf etwas anderes konzentrieren konnte.
"So, what's up this time?" lautete immer ihre erste Frage.
Wenn ich am Schabbat wegfuhr, so zog ich mich meistens vorher um. Jeans und so. Dieses war immer eine kleine Prozedur, denn tat ich das doch heimlich. In unserer Nachbarschaft hätte ich nicht in Hose herumlaufen können.
Das ist das Schlimmste überhaupt, das eigene Gewissen. Schließlich rannte ich nicht vor der Religion davon, sondern einem Lebensstil, den ich wollte und doch nicht wollte.
Klar, ich hätte einfach meine Sachen packen und abhauen können, aber damals dachte ich, dass dies alles nur eine zeitweilige Krise sei, die jeder einmal durchmacht.
Das ganz große Problem ist, keinen Ansprechpartner zu haben. Mit wem kann man schon ueber soetwas reden ? Ein Chabad - Rabbi wollte mir helfen und wäre er damals nicht gerade nach New York geflogen, well, vielleicht wäre alles anders gekommen.
Ich konnte an nichts anderes mehr denken als an mein Problem. Wieso konnten andere in dieser Gesellschaft leben und ich nicht ? Wieso schaffte ich es nicht ? Der Körper wollte, die Seele nicht.
Heute gibt es sehr viele Help - Groups diesbezüglich und viele Foren im Internet, doch damals vor genau zehn Jahren stand ich ziemlich alleine da. Zu den Nationalreligiösen wollte ich nicht entkommen, denn das wäre unter meiner Würde gewesen. Stattdessen stand ich eines morgens auf, zog eine schwarze Jeans an und schmiß meine Röcke, bis auf einen denn man weiß ja nie, in die Mülltonne. Die Nachbarn waren zuerst geschockt von meinem Anblick, doch gewöhnten sich dran. Und sie sprachen sogar noch mit mir.
In der Innenstadt hatte ich immer das Gefühl von allen angestarrt zu werden. Jeder müsse doch sehen, dass ich Haredi bin. Wieso sagt keiner was ?
Mein Freundeskreis reagierte überraschend positiv und ich habe nur ganz ganz wenige Freunde verloren. Ansonsten verurteilte niemand, sondern sah es als eine Krise.
Die Situation wurde täglich schlimmer, was fast zu einem kompletten Nervenzusammenbruch führte. Ich beschloß, einen schnellen Tapetenwechsel und fuhr innerhalb weniger Wochen nach Deutschland. Dort wollte ich einen klaren Kopf bekommen und Gedanken ordnen. Einfacher gesagt als getan, denn in Deutschland incl. bei jüdischen Gemeinden ist dieses Problem völlig unbekannt. So half ich mir irgendwie selbst, hielt Kontakt mit einem Rabbi in Jerusalem und anderen Freunden. Meine zweieinhalb Jahre Deutschland wurden religiös zu einer Farce, war ich doch mehr Haredi als ich eigentlich wahr haben wollte. Dennoch war es eine hilfreiche Zeit, in der ich sehr viel lernte.
Zurück in Israel hatte ich sofort wieder Kontakt zu meinen alten Freunden. Ich sah alles etwas distanzierter, was mir half.
Bei den Nationalreligiösen bin ich nach wie vor nicht und für das Kino habe ich leider kaum Zeit. Meinem Aussehen nach bin ich nichtreligiös, doch redet jemand einige Minuten mit mir, werde ich schon als Dossit (Haredi) gesehen. Mit den Haredim verbindet mich eine gemeinsame Sprache und wir verstehen uns sofort. Mit den Nationalreligiösen hatte ich soetwas nie. Komischerweise sind heute fast alle meine Freunde Haredim und wir kommen sehr gut miteinander aus, denn ich mache keine Show mehr.
Ein nichtreligiöser Kollege fragte mich vor einigen Monaten, ob ich mich nicht schuldig vor G-tt fühle, religiös zu sein, doch in Hose herumzulaufen. "Nein", antwortete ich.
Es gibt einen tollen Satz im Film "YENTL", der wahrscheinlich auf mich zutrifft: G-tt wird es verstehen, die Nachbarn nicht."
Eines aber trifft auf fast alle Aussteiger gleichermassen zu:
Fast alle bleiben religiös, wenn auch etwas mehr "light".
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Das Wichtigste für einen Aussteiger aus der haredischen (ultra - orthod.) Gesellschaft ist, dass er mit sich ins Reine kommt. Ich kann nicht hier und zugleich dort sein. Ich kann mich nicht in ein relig. Leben zwingen, nur um die Erwartungen meiner relig. Mitmenschen zu erfüllen. Stattdessen ist es ganz wichtig, sich zu akzeptieren, wie man ist.
Okay, man ist, aus welchen Gründen auch immer, nicht in der Lage, ein bestimmtes haredisches Leben zu führen.
Bin ich deswegen weniger Wert oder aussätzig ?
Soll ich trotzdem eine Show veranstalten und mich so anziehen, um auch mir selber etwas vorzumachen ?
Als ich nach der Krise nach Jerusalem zurückkam, entschied ich mich gegen die Show. Ich sage offen, dass ich zwar relig. bin, schließe bzw. identifiziere mich jedoch nicht eindeutig mit einer Gruppe. Außer natürlich mit der haredischen Gesellschaft als solches.
Nur wer lernt, sich so zu akzeptieren, kann zur Relgion wieder zurückfinden und sich einen neuen Weg, vielleicht etwas mehr "light" aufbauen. Nicht immer ist die Umwelt schuld, denn auch ich muß mich mögen und mit meine Gedanken ordnen und mich von den Schuldgefühlen befreien.
Das derzeitige Resultat mag sein, dass ich persönlich in einer Gesellschaftsmitte oder Identitätsmitte hänge. Schließlich bin ich weder bei den Haredim noch irgendwo anders angekommen. Manchmal jedoch ist dieser Zustand gar nicht so schlecht und Hilfe findet man gerade bei denjenigen, welche denselben Problemen ins Auge sehen. Und das sind nicht so wenige wie man anfangs vielleicht meint.
Andererseits ist der Grund, warum ich überwiegend über die jüdische Religion schreibe ganz klar auch eine Suche auf dem Weg zurück. Nur kenne ich diesesmal die Limits und renne nicht direkt darauf zu. Zumindest hoffe ich das. Ein Weg zurück ist es aber ganz sicher.
Dienstag, 5. Februar 2008
Runaways - Aussteiger
Nach dem gestrigen Bombenattentat in der Negevstadt Dimona suchte ich durch Youtube, um ein passendes Video zu finden, welches die Atmosphäre eines solchen Attentates zeigt. Dies sollen sich dann alle Pali - Fans ausreichend anschauen und über ihre anti - israelischen Meinungen einmal genauestens nachdenken. Falls solch ein Video überhaupt etwas nützt.
An schockenden Videos fehlte es nicht und ich schaute mir ein paar von ihnen an. Nach kurzer Zeit jedoch beschloß ich, keines der Horrorvideos in eines meine Blogs einzubauen. Momentan nicht, aber vielleicht später einmal.
Genau erinnere ich mich nicht mehr, wie ich plötzlich auf ein Video mit dem Titel "NAF" stieß. NAF in Jerusalem. Es sollte von einem Typen namens Naf (Naftali) handeln, der sich überwiegend am Jerusalemer Zion (Crack) Square herumtreibt. Ah, dachte ich, es geht also mal wieder um einen jugendlichen Junkie. Dennoch war ich neugierig, denn immerhin spielt das Video in meiner Heimatstadt.
Das Video zeigte einen jugendlichen Rapper, der vor noch nicht allzu langer Zeit ein haredischer (ultra - orthod.) Yeshiva (relig. Schule) Student war. Naftali (Naf) erzählte, dass seine Eltern ihn von daheim rausgeschmissen haben, da er sich entschieden habe, sekulär zu werden. Die Eltern sahen in Naf eine Bedrohung für die kleineren Geschwister, denn er könne sie mit seinem Verhalten negativ beeinflussen. Seither wohnt er in die Gegend des Zion Square in der Jerusalemer Innenstadt und weiß nicht genau, was er mit sich anfangen soll.
Er gab zu, seit Jahren nicht mehr geweint zu haben. Weinen bedeute für ihn ein Eingeständnis seiner alltäglichen Probleme. Anfangs ist man der Überzeugung, alles im Leben packen zu können. Selbst als 15 - jähriger. Allmählich aber merkt man, den Probleme doch nicht allein gewachsen zu sein. Natürlich gesteht man sich diese Erkenntnis nicht selber ein. Daher wird erst gar nicht mit dem Weinen begonnen.
Religiöse Runaways sind ein alltägliches gegenwärtiges Problem in Jerusalem. Wohin sollen haredische (ultra - orthod.) Teenager gehen, wenn sie von daheim hinausgeschmissen werden ?
Die Stadtverwaltung hat längst reagiert und ein Team von relig. qualifizierten Sozialarbeitern aufgebaut. Diese Sozialarbeiter versuchen die Eltern zu kontaktieren und mit ihnen und den Kids einen Kompromiß auszuarbeiten. Soll der Teenager nicht doch wieder nach Hause ziehen ? Wie soll er sich anziehen ?
Ein relig. Rebell ist zugleich eine Bedrohung und eine Katastrophe für die Familie. Eine tickende Zeitbombe. Was werden bloß die Nachbarn denken und wie wird sich das auf die Schidduchim (künftige Ehepartnersuche) der Geschwister auswirken ? Dieses sind ernsthafte Gedanken, welche den Eltern durch den Kopf gehen und die sie ohne professionelle Hilfe kaum meistern können. Es gibt nichts Wichtigeres in der haredischen Welt als den guten Ruf zu wahren. Spätere Generationen hängen davon ab. Wie wollen diese später einmal in einer angesehenen Yeshiva aufgenommen werden oder einen guten Schidduch finden, wenn da ein Rebell in der Family ist ?
Bei all dem Wirrwarr werden meistens die eigentlichen Belange der Rebellen vergessen. Gesellschaftliche Probleme haben Priorität und das Individuum steckt zurück.
"Hillel" - die Sozialorganisation derjenigen, die aus der haredischen Gesellschaft aussteigen, ist nicht immer die beste Lösung. "Hillel" organisiert Unterkunft in einem Kibbutz, denn bei den Eltern kann man ja nicht mehr bleiben. Die Organisation gibt weitere soziale Hilfe.
Aber was wird getan, um das ewige Schuldgefühl der Aussteiger abzubauen ?
Ein Schlafplatz und soziale Hilfe sind bei Weitem nicht genug. Absoluten Vorrang sollte die Kontaktherstellung zu den Eltern haben, wozu Hillel kaum bereit ist. "Alles oder nichts" - lautet deren Devise. Einmal weg, soll das Kind so sekulär leben wie es nur geht. Die Jerusalemer Stadtverwaltung scheint eine bessere Alternative zu bieten, denn dort kann man sich bei relig. Sozialarbeitern das Herz ausschütten und bekommt professionelle Hilfe geboten. Und nicht wenige finden ihren Weg wieder zurück zu den Eltern.

